Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/262/
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Die Raubthiere. Katzen. — Der Löwe. 
Ansiedlern regelrechter betrieben worden ist, hat man sie auf fünfzig Franken herabgesetzt. Ebenso 
verhält es sich mit dem Schußgelde für den Leopard. Nach Auszahlung der Prämie begiebt sich der 
Zug vor das Hotel des befehlshabenden Generals; diesem wird häufig in der Hoffnung auf ein ent¬ 
sprechendes Gegengeschenk das Fell überlassen. Zeigt er aber keine Lust, das Fell zu besitzen, so be¬ 
gnügt sich der Araber auch mit einer warmen Lobrede auf seine Tapferkeit, und die Löwenhaut wandert 
gegen einen Preis von 100 bis 150 Franken zu einem Gerber, der sie als Teppich verarbeitet und 
durchschnittlich für 400 Franken an Durchreisende oder Fremde verkauft. Das Fleisch wird dem 
Schlächter überlassen, welcher das Pfund zu einem halben Franken an Europäer verkauft; in Algerien 
wird der Löwe auch von diesen gern gegessen." 
„Auf solche Weise verdient der Jäger durch seinen Schuß ungefähr 300 Franken: — für einen 
Araber eine ungeheure Summe. Gewöhnlich kauft er sich sogleich einen neuen Burnus, einen Ueber- 
wurf und Pantoffeln und kehrt dann freudigen Herzens in seinen Duar zurück. Aber an diesem 
schnellen Verdienst hat der Teufel seinen Antheil; denn von nun an treibt den glücklichen Jäger eine 
unersättliche Jagdlust. Er vernachlässigt fortan alle seine Geschäfte, um nur nach wilden Thieren auf 
der Lauer liegen zu können. Doch das Glück ist sparsam mit seinen Gaben. Das wenige übrig¬ 
gebliebene Geld wird nun nach und nach verausgabt, das Pulver wird knapp, der neue Burnus wird 
gegen einen alten vertauscht, die Pantoffeln werden verkauft, die r?ackten Sohlen müssen wieder den 
glühenden Sand empfinden, und der Ruhmgekrönte von damals ist wieder ein Bettler. Auf meinen 
Zügen habe ich viele solcher Löwenjäger kennengelernt, welche außer ihren Lorbeeren so gut wie Nichts 
besaßen. Ein Schuß Pulver war für sie der Inbegriff aller Wünsche, die erste Staffel zur Erreichung 
ihrer hochfliegenden Pläne. Stundenlang, ja ganze Tage saßen sie vor meiner Thür und erzählten 
mir von ihren Heldenthaten; der Endreim aller Erzählungen war immer ein Betteln um Pulver. 
Niemals ließen sie sich bewegen, für mich Jagd auf andere Thiere zu machen." 
„Die jungen Löwen, von denen alljährlich einige in den Städten der Regentschaft feilgeboten 
werden, bezahlen die Europäer mit 50 bis 150 Franken. Die Araber fangen dieselben entweder in 
Fallgruben oder sie folgen in dem frischgefallenen Schnee der Fährte der Löwin bis zu ihrem Bau 
und rauben in ihrer Abwesenheit die Jungen. Daß ein solches Unternehmen nicht ohne Gefahr ist, 
leuchtet ein. Sehr oft ruft die Stimme des jungen Thieres die Mutter herbei, und diese wirft sich 
dann mit furchtbarer Wuth und der Ausdauer der Verzweiflung auf den Jäger." 
„Im Allgemeinen ist der Winter, besonders wenn derselbe von heftigen Schneefällen begleitet ist, 
die geeignetste Jahreszeit für die Jagd auf wilde Thiere. Wenn der Schnee auf den höchsten Höhen 
liegen bleibt und die Thiere sich veranlaßt sehen, in die Niederungen hinabzusteigen, um ihre Nahrung 
zu suchen, wird es dem Jäger leicht, ihnen bis zu ihrem Bau zurückzufolgen. Uebrigens sind reißende 
und selbst tiefe Flüsse dem Löwen kein Hinderniß auf seinem Wege. Mit einem gewaltigen Satze 
stürzt er sich in das Wasser und durchschwimmt dasselbe." 
„Ist es um die Brunstzeit, so findet man die Löwin stets im Gefolge des Löwen, und während 
dieser in einen Duar eindringt, ein Rind, Pferd oder Maulthier zu ergreifen, hat sich die Löwin 
ruhig hingestreckt und wartet, bis ihr Gemahl zu ihr zurückkehrt; dieser soll sogar die Artigkeit soweit 
treiben, daß er ihr den ersten Antheil von der Beute überläßt und erst dann, wenn sie vollständig 
gesättigt ist, sich auch darüber hermacht." 
„In unserem gesitteten Europa schlägt man die Verdienste eines Löwenjägers im Allgemeinen zu 
gering an. Man läßt sich wohl zur Anerkennung seiner Beharrlichkeit und seines Muthes herbei, 
bedenkt aber nicht, welchen außerordentlichen Vortheil eine solche kühne Beschäftigung dem Lande 
bringt. Eine kurze Andeutung in Bezug hierauf mag genügen." 
„Der Löwe erreicht durchschnittlich ein Alter von 35 Jahren. Bei seinem gewaltigen Leibesbau 
entwickelt er nach kaum zwölfstündigem Fasten schon einen ganz vortrefflichen Appetit, und da er außer¬ 
dem ein Leckermaul ist und nur ungern zu einem erlegten Stück Vieh zurückkehrt, sondern auch für die 
Schakale und Hiänen sorgt, vermehrt stch der Schaden natürlich noch bedeutender. Man kann
        

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