Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/254/
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Die Raubthiere. Katzen. — Der Löwe. 
sei, und nunmehr wird er ein „Mannesser", wie die Kaffern ihn dann nennen. Diese versichern, daß 
solche menschensressende Löwen auch nicht selten mitten unter die Lagerfeuer stürzen und einen oder 
den anderen der schlafenden Männer ohne weiteres mit sich nehmen. Unter den Eingebornen, wie 
unter den Ansiedlern herrscht der Glaube, daß dunkelfarbige Menschen mehr seinen Angriffen aus¬ 
gesetzt seien, als der Weiße. 
/ ■ Man behauptet, daß der Löwe, während er alle von ihm angefallenen Thiere augenblicklich 
tobtet, den Menschen, welchen er überwältigt und unter sich in seinen Krallen hat, nicht alsogleich 
morde, sondern ihm erst später und zwar unter fürchterlichem Gebrüll den tödtlichen Schlag mit seiner 
Tatze auf die Brust versetze. Dies ist wohl als glaubwürdig anzunehmen; denn auch Livingstone, 
dessen einfache Berichte durchaus nicht den Stempel der Uebertreibung oder der Lügenhaftigkeit an sich 
tragen, behauptet Dasselbe. Bei einer Treibjagd, welche er mit den Bewohnern des Dorfes Mabotsa 
in Ostafrika anstellte, waren die Löwen bald auf einem kleinen, bewaldeten Hügel umstellt. „Ich 
befand mich," so erzählt Livingstone, „neben einem eingebornen Schullehrer. Namens Mebalwe, als 
ich innerhalb des Iägerkreises einen der Löwen gewahrte, welcher auf einem Felsstück lag. Mebalwe 
feuerte auf ihn, und die Kugel traf den Felsen. Der Löwe biß auf die getroffene Stelle, wie ein Hund 
in einen Stock, der nach ihm geworfen wird. Dann sprang er weg, durchbrach den Kreis und entkam 
unbeschädigt. Als der Kreis wieder geschlossen war, sahen wir zwei aitbere Löwen innerhalb desselben, 
und diese brachen ebenfalls durch. Darauf gingen wir dem Dorfe wieder zu. Unterwegs bemerkte ich 
wiederum einen Löwen auf einem Felsen, aber diesmal hatte er einen kleinen Busch vor sich. Da 
ich etwa 30 Nards entfernt war, zielte ich gut auf seinen Körper hinter dem Busch und feuerte beide 
Läufe ab. „Er ist getroffen!" riefen einige der Leute und wollten zu ihm laufen. Ich sah den Schweif 
des Löwen hinter dem Busche emporgerichtet und rief den Leuten zu: „Wartet, bis ich wieder geladen 
habe!" Als ich die Kugeln hinunterstieß, hörte ich einen Schrei und gewahrte den Löwen gerade im 
Begriff, auf mich zu springen. Er packte im Sprunge meine Schulter, und wir fielen beide zusammen 
zu Boden. Schrecklich neben meinem Ohre knurrend, schüttelte er mich, wie ein Dachshund eine 
Ratte schüttelt. Diese Erschütterung brachte eine Betäubung hervor; ich fühlte weder Schmerz noch 
Angst, obgleich ich mir alles Dessen, was vorging, bewußt war. Ich suchte mich von der Last zu 
befreien und bemerkte, daß seine Augen auf Mebalwe gerichtet waren, welcher auf ihn zu schießen 
versuchte. Sein Gewehr versagte mit beiden Läufen. Der Löwe verließ mich augenblicklich und packte 
Mebalwe am Schenkel. Ein andrer Mann, dem ich früher das Leben gerettet hatte, als er von einem 
Büffel gestoßen wurde, versuchte, den Löwen mit dem Spieße zu treffen, während derselbe Mebalwe 
biß. Er verließ Letzteren und packte diesen Mann bei der Schulter; aber in dem Augenblicke beendeten 
die zwei Kugeln, welche er bekommen hatte, ihre Wirksamkeit, und er fiel todt nieder. Das Ganze 
war das Werk weniger Minuten. Er hatte den Knochen meines Oberarms zerbissen, und mein Arm 
blutete aus elf Wunden, welche aussahen, als wenn Flintenkugeln eingedrungen wären. Beim Heilen 
wurde der Arm krumm. Meine zwei Kampfgenossen haben viele Schmerzen an ihren Wunden gelitten, 
und die an der Schulter des einen brachen genau nach einem Jahre wieder auf." 
Ob es wahr ist, daß sich der Löwe jedesmal vor seinem Angriffe in einer Entfernung von etwa 
acht oder zehn Fuß niederlege, um den Sprung abzumessen, lasse ich dahin gestellt sein. Ich meines 
Theils habe nach allen im Sudahn erhaltenen Nachrichten Ursache, daran zu zweifeln. Die Araber 
jener Gegenden versichern, daß der Mensch, welcher einen ruhenden Löwen treffe, denselben durch einen 
einzigen Steinwurf verscheuchen könne, falls er Muth genug habe, aus ihn loszugehen. Wer dagegen 
entfliehe, sei unrettbar verloren. „Zweimal, so sagen sie, weicht jeder Löwe dem Manne aus, denn er 
weiß, daß dieser das Ebenbild Gottes des Allbarmherzigen ist, den auch er, als ein gerechtes Thier, 
in Demuth anerkennt. Frevelt jedoch der Mensch an den Geboten des Erhaltenden, welche bestimmen, 
daß Niemand sein Leben tollkühn wage, und geht er dem Löwen zum dritten Male entgegen, so muß 
er sein Leben lassen." 
Daß die Löwen vor dem Menschen wirklich zurückweichen, sagen auch andere Beobachter. „Ein
        

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