Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/239/
Geistesbegabung. Aufenthaltsorte. Ihre Nahrung und deren Erbeutung. 187 
und dergleichen, während sich die größeren im Gebüsch zu verbergen Pflegen. Obwohl den wild¬ 
lebenden Katzen diejenigen Gegenden am liebsten sind, in welchen der Mensch noch nicht zur vollen 
Herrschaft gelangen konnte, kommen sie doch oft in unverschämt dreister Weise zu den Wohnungen des 
Menschen heran, um hier über ihn selbst herzufallen oder seinen Viehstand zu berauben. Zu diesem 
Behufe verlassen sie ihr Lager mit Einbruch der Nacht und streifen nun entweder ziemlich weit umher, 
oder legen sich an belebten Paßstraßen der Menschen oder Thiere auf die Lauer. Bei Tage fallen nur 
höchst wenige auf Beute, und ebenso ziehen sie sich zu dieser Zeit feig zurück, wenn sie angegriffen 
werden. Ihr wahres Leben beginnt und endigt mit der Dunkelheit, und hierzu weist sie ihre Aus¬ 
rüstung auch vollständig an. Besonders gut gelegene Versteckplätze werden ziemlich regelmäßig be¬ 
wohnt; die Mehrzahl hat aber kein bestimmtes Lager und wählt sich, sobald der Morgen sie auf dem 
Streiszuge überrascht, zum Versteck den ersten besten Ort, welcher Sicherheit verheißt. 
Ihre Nahrung nehmen sich die Katzen aus allen vier Klassen der Wirbelthiere, wenn auch die 
Säugethiere unzweifelhaft ihren Verfolgungen am meisten ausgesetzt sind. Einige Arten stellen mit 
Vorliebe Vögeln nach, andere, aber wenige, verzehren auch das Fleisch mancher Lurche, namentlich 
der Schildkröten, wieder andere gehen sogar aus den Fischfang aus. Die wirbellosen Thiere werden 
im Ganzen wenig von ihnen behelligt, und wohl nur zufällig fängt sich diese oder jene Art einen 
Krebs oder ein Kerbthier. Sämmtliche Katzen fressen vorzugsweise die Beute, welche sie sich selbst 
erworben haben, nur sehr wenige fallen auf das Aas und dann gewöhnlich auch blos auf solches, 
welches von selbst gemachter Beute herrührt. Dabei zeichnen sich die meisten durch unersättlichen Blut¬ 
durst aus, und es giebt Arten, welche sich, wenn sie es können, blos von Blut nähren und sich 
förmlich in diesem „ganz besonderen Safte" berauschen. 
In der Art und Weise ihres Angriffs ähneln sich alle Arten mehr oder weniger. Sie schleichen 
leisen, unhörbaren Schrittes äußerst aufmerksam durch ihr Jagdgebiet und äugen und lauschen scharf 
nach allen Richtungen hin. Das geringste Geräusch erregt ihre Aufmerksamkeit und bewegt sie, der 
Ursache desselben nachzugehen. Dabei gleiten sie in geduckter Stellung vorsichtig auf dem Boden hin, 
regelmäßig unter dem Winde, und fallen, wenn sie sich nahe genug glauben, plötzlich mit einem oder 
mehreren Sätzen über ihr Schlachtopfer her, schlagen ihm die furchtbaren Tatzen in das Genick oder 
in die Seiten, reißen es zu Boden, erfassen es mit dem Maule und beißen einige Male schnell nach 
einander heftig zu. Hierauf öffnen sie das Gebiß ein wenig, ohne jedoch das erfaßte Thier fahren zu 
lassen, sie beobachten es vielmehr scharf und beißen von neuem, sowie sich noch ein Fünkchen Leben 
in ihm regt. Viele stoßen während dem ein Brüllen oder Knurren aus, welches ebensogut Behaglichkeit, 
als Gier oder Zorn ausdrückt. Did meisten haben die abscheuliche Gewohnheit, ihre Schlachtopfer 
noch lange Zeit zu quälen, indem sie ihnen scheinbar etwas Freiheit gewähren und sie oft auch wirklich 
ein Stückchen laufen lassen, jederzeit aber im rechten Augenblick sie wieder erfassen, von neuem 
niederdrücken, nochmals laufen lassen u. s. w., bis die Gepeinigten endlich ihren Wunden erliegen. 
Auch die größten Arten scheuen die Thiere, von denen sie bedeutenden Widerstand erwarten, und 
greifen sie blos dann an, wenn sie sich durch Erfahrung überzeugt haben, daß sie trotz der Stärke 
ihrer Gegner als Sieger aus einem etwaigen Kampfe hervorgehen. Selbst der Löwe, Tiger und 
Jaguar fürchten anfangs den Menschen und gehen ihm fast feig aus dem Wege; nachdem sie aber 
gelernt haben, welch schwaches, wehrloses Geschöpf er ist, werden sie seine furchtbarsten Feinde, und 
es scheint fast, als ob sie dann das Menschensleisch dem aller übrigen Säugethiere entschieden vor¬ 
zögen. Obgleich beinah alle Katzen gute Läufer sind, stehen sie doch von weiterer Verfolgung eines 
Schlachtopfers ab, wenn ihnen der Angriffssprung mißlang. 
Nur an sehr geschützten Orten verzehren die Katzen eine -gemachte Beute gleich an Ort und 
Stelle; gewöhnlich schleppen sie das erfaßte Thier, nachdem sie es getödtet oder wenigstens wider¬ 
standslos gemacht haben, an einen stillen, versteckten Ort und verzehren es hier in aller Ruhe 
und Behaglichkeit. Wenn ihre Wohngegend reich an Beute ist, zeigen sie sich außerordentlich lecker 
und überlassen bei weitem den größten Theil der von ihnen erjagten Geschöpfe anderen Thieren, den
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.