Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/236/
184 
Die Raubthiere. Katzen. 
Der Laie wird keinen Augenblick im Zweifel sein, welcher Familie er die Ehre geben soll, die 
Reihe aller Raubthiere zu beginnen. Er gedenkt an den schon von den Alten zu der Thiere König 
gekrönten Löwen und räumt ihm gern jede Bevorzugung ein, sogar auf Kosten des liebsten und ge¬ 
treuesten Hausfreundes Hund, dessen geistiges Wesen einer andern, weit werthvollern Krone würdig 
ist. Diesmal darf auch der Forscher mit dem Laien übereinstimmen, und somit vereinigen wir in der 
ersten Familie die Katzen (Felinae). 
In der zweiten Reihe der Säugethiere nehmen die Katzen beinah dieselbe Stellung ein, welche 
dem Menschen in der ersten Reihe zukommt. Sie sind nicht blos die vollendetsten Raubthiergestalten, 
sondern, mit alleiniger Ausnahme des Menschen, die vollendetsten Thiere überhaupt. Ein gleiches 
Ebenmaß zwischen Gliedern und Leib, gleiche Regelmäßigkeit und Einhelligkeit des Baues, wie bei 
ihnen, finden wir in der ganzen Klasse nicht wieder. Bei ihnen ist jeder einzelne Leibestheil an- 
muthig und zierlich, und eben deshalb befriedigt das ganze Thier unser Schönheitsgefühl in so hohem 
Grade. Wir dürfen, ohne fehlzugreifen, unsere Hauskatze als Bild der gesammten Gesellschaft 
betrachten; denn in keiner zweiten Familie ist die Grundform bei allen Mitgliedern so streng wieder¬ 
holt, in keiner andern Thiergruppe unterscheiden sich die einzelnen Sippen und Arten so wenig von 
einander, wie bei den Katzen. Alle Sippenkennzeichen erscheinen hwr als nebensächliche, äußerliche 
Merkmale im Vergleich zu den Unterschieden, welche die verschiedenen Gruppen und Arten anderer 
Familien aufweisen: der Löwe mit seiner Mähne oder der Luchs mit seinen Ohrpinseln und dem 
Stumpfschwanze bleiben ebenso gut Katzen, wie der Hinz oder der Leopard. Selbst dem Jagd- 
panther oder Gepard, welcher das allgemeine Gepräge am wenigsten zeigt, muß man scharf auf 
die Finger sehen, bevor man ihn ganz kennen lernt: als halbe Katze nur, als Zwitter von Katze 
und Hund. Eine so vollkommene Uebereinstimmung wird blos bei Thieren gefunden, welche eine 
hohe Stellung einnehmen. Dies beweist am schlagendsten der Mensch selbst: kann man doch die 
einzelnen Arten seines Geschlechtes kaum mehr trennen! 
Der Bau des Katzenleibes darf als bekannt vorausgesetzt werden. Der kräftige und doch zierliche 
Leib, der kugelige Kopf auf dem starken Halse, die mäßig hohen Beine mit den dicken Pranken, der 
lange Schwanz und das weiche Fell mit seiner immer angenehmen, der Umgebung sich innig anschmie¬ 
genden Färbung find Kennzeichen, welche sich Jedermann eingeprägt haben dürften; sind doch selbst 
die inneren oder wenigstens versteckteren Leibestheile ziemlich allgemein bekannt. Vollendet am Katzen¬ 
leibe müssen die Waffen erscheinen. Das Gebiß ist furchtbar. Die Eck- oder Reißzähne bilden große, 
starke, kaum gekrümmte Kegel, welche alle übrigen Zähne weit überwiegen und eine wahrhaft ver¬ 
nichtende Wirkung äußern können. Ihnen gegenüber verschwinden die auffallend kleinen Schneide¬ 
zähne; ihnen gegenüber erscheinen selbst die starken, durch scharfe, gegenseitig in einander eingreifende 
Zacken und Spitzen ausgezeichneten Kauzähne, welche ganz aufgehört haben, Mahlzähne zu sein, 
schwach und unbedeutend. Mit diesem Gebiß steht die rauhe, scharfe Zunge im Einklänge. Sie ist 
dick und fleischig und besonders merkwürdig wegen ihrer feinen, hornigen Stacheln, welche auf krausen 
Warzen sitzen und nach hinten gerichtet sind. So ist das Maul gleichsam noch einmal bewaffnet, wie 
das mancher Schlangen und der raubgierigsten Fische, bei denen außer den Kinnladen der Gaumen 
mit Zähnen gespickt ist. Wenn nun auch die Stacheln der Katzenzunge keine Zähne sind, haben sie 
doch noch immer Schärfe genug, um bei fortgesetztem Lecken eine, zarte Haut blutig zu ritzen, und 
übrigens dienen sie wirklich beim Fressen zur Unterstützung der Zähne, welche wegen ihrer Schärfe 
und Zackung nur einen einseitigen Gebrauch zulassen, zum Zermahlen der Speise aber fast unfähig 
geworden sind. Die Zähne sind jedoch nicht die eigentlichen Angriffswasien der Katzen: in ihren 
Klauen besitzen sie noch furchtbarere Werkzeuge zu sicherem Ergreifen und tödlichem Verwunden ihrer 
Beute oder zur Abwehr im Kampfe. Ihre breiten und abgerundeten Füße zeichnen sich besonders durch 
die verhältnißmäßige Kürze aus, und diese hat ihren Grund darin, daß das letzte Zehenglied aufwärts 
gebogen ist. So kann es beim Gange den Boden gar nicht berühren und bewirkt dadurch die möglichste 
Schonung der auf ihm sitzenden sehr starken und äußerst spitzen Sichelkrallen. In der Ruhe und bei
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.