Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/235/
Geistesgaben. Aufenthalt. Lebensweise. Verschiedenheit der Nahrung. Fortpflanzung. Familien. 183 
Nur sehr wenige Raubsäugethiere führen ein wirkliches Eheleben, kein einziges ein solches auf 
Lebenszeit. Bei einigen Katzen, den Igeln und den Maulwürfen leben während und nach der 
Paarungszeit beide Geschlechter enger zusammen, als im Verlaufe des übrigen Jahres; hier stehen 
sich die Gatten eines Paares auch wohl gegenseitig bei, um die Kinder zu ernähren oder zu beschützen 
und zu vertheidigen: bei den übrigen und zwar bei der größeren Anzahl, pflegt der Vater seine eigenen 
Sprößlinge als gute Beute zu betrachten und muß von der Mutter zurückgetrieben werden, wenn er 
das Lager seiner Nachkommenschaft zufällig aufgefunden hat. Unter derartigen Umständen ist die 
Mutter natürlich die einzige Pflegerin. — Die Zahl der Jungen eines Wurfes schwankt erheblich, sinkt 
aber niemals (oder blos ausnahmsweise) bis auf Eins herab. Die Jungen werden regelmäßig blind 
geboren und sind längere Zeit sehr hilflos, entwickeln sich dann aber verhältnißmäßig rasch. Ihre 
Mutter unterrichtet sie ziemlich ausführlich in ihrem Gewerbe und begleitet und schützt sie jedenfalls 
so lange, als sie noch unfähig sind, selbstständig für sich zu sorgen. Bei Gefahr tragen einige, aber sehr 
wenige Mütter die Brut in den Armen oder auf dem Rücken fort; die übrigen schleppen sie mit 
dem Maule weg. ■— 
Der Mensch lebt mit fast allen Raubthieren in offener Fehde. Nur höchst wenige von ihnen hat 
er sich durch Zähmung nutzbar zu machen gesucht, — eine Gruppe (oder wenn man lieber will: ein 
Wesen) freilich in einem Grade, wie kein anderes Thier überhaupt. Die größere Anzahl wird mit mehr 
oder weniger Recht als schädlich angesehen und leidenschaftlich gehaßt, deshalb auch unerbittlich ver¬ 
folgt; ein ganz unverhältnißmäßig kleiner Theil wird geschont. Ziemlich viele Mitglieder der Ordnung 
werden getödtet, um benutzt werden zu können. Das Fleisch oder Fett der einen wird gegessen, das 
kostbare Fell der andern zu werthvollen Kleiderstoffen verwendet: und hier läßt sich gegen ihre 
Tödtung nicht wohl Etwas einwenden; sehr unrecht ist es aber, daß auch die nicht blos unschuldigen, 
sondern sogar nützlichen Raubsäuger verkannt werden und der blinden Zerstörungswuth unterliegen 
müssen. Schon aus diesem Grunde verdient unsere Ordnung von allen Menschen sorgfältiger studirt 
zu werden, als bisher: denn es ist doch wahrhaftig wichtig genug, seine Freunde von seinen Feinden 
unterscheiden zu lernen. — 
Man kann die Ordnung der Raubthiere in acht Familien eintheilen, — in dieselben, welche ich 
im Eingänge nannte. Dann mag man, wenn man will, doch drei Hauptabtheilungen annehmen und 
also von Fleisch-, Alles- und Kerbthierfressern reden. Die erstere Abtheilung würde hiernach 
die Familien der Katzen, Hunde, Schleichkatzen, Marder und Bären in sich fassen — doch 
ziehen Einige vor, die Letzteren als Vertreter einer besonderen Unterordnung anzusehen und als 
„Allesfresser" zu bezeichnen. Alle hierher gehörigen Thiere zeichnen sich aus durch ihre ebenmäßige, 
zum Theil sogar sehr schöne Gestalt, ihre Größe, die lebendigen Farben, welche einzelne zieren, ihre 
Beweglichkeit, Gewandtheit, Raub- und Mordlust, Entschiedenheit des Charakters und vor Allem 
durch große Klugheit, welche bei Einigen nur dem menschlichen Verstände nachsteht. Sie sind Be¬ 
wohner des Festlandes und leben vorzugsweise auf d^m Boden, obgleich es auch ebenso vortreffliche 
Schwimmer, wie Kletterer und auch Höhlenbewohner unter ihnen giebt. Im Allgemeinen kennzeichnen 
sie folgende Merkmalen der Leib, welcher von der plumpen, kurzen Gestalt des Bären an bis zur 
zierlichen, langen Schleichkatzenform alle Zwischenstufen des Baues aufweist, ruht auf mittelhohen 
Beinen, deren vier- oder fünfzehige Füße immer scharf bekrallt sind; der Kopf ist rundlich, die Nasen¬ 
spitze nackt, die Augen sind groß und scharfblickend, die Ohren aufrecht gestellt, die Lippen stark be- 
schnurrt. Im Gebiß finden sich überall, oben wie unten, sechs Schneidezähne, zwei sehr starke, kegel¬ 
förmige Eck- oder Fangzähne, hinter ihnen einige scharfgezackte Lückzähne, hierauf die unseren Thieren 
eigenthümlichen Fleischzähne, deren Kronen scharfe Zacken und stumpfhöckerige Ansätze zeigen, und 
endlich ein oder mehrere stumpfhöckerige Mahlzähne. — Diese Raubthiere sind über alle Theile der 
Erde verbreitet und waren schon in der Tertiärzeit auf ihr heimisch. Ihr unmittelbar uns zugefügter 
Schaden übersteigt den Nutzen, welchen sie, meist nur mittelbar, leisten, bei weitem, und deshalb wird 
die große Menge der hierher zu zählenden Thiere mit Recht kräftig verfolgt.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.