Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/203/
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Familienbeschreibung der Pelzflatterer. 
einzige Sippe, aber auch eine eigene Familie: sie lassen sich eben keiner andern Gruppe unterordnen. 
WederAffe oderHalbaffe noch Fledermaus, stehen sie einzig für sich allein zwischen beiden daund 
nur in anderen Ordnungen finden sich ähnliche Gestalten, welche aber mit ihnen durchaus keine er- 
wandtschaft haben. Der Familien- und Sippenname der Pelzflatterer oder Flattermakis ist Galeo- 
pithecus — Wiesel- oder Katzenaffe — und bezeichnet schon an und für sich die Unsicherheit der An¬ 
sichten jener ordnenden Forscher, welche den Namen für sie erwählten. Häufig werden sie auch 
dem Namen Dermoptera — Hautflügler — im System aufgeführt, obgleich dieser Name etgentüch 
überflüssig ist, weil jener immer der maßgebende und zuständige bleibt. In den neueren Sprachen giebt 
es sehr viele Bezeichnungen für sie, in Folge ihrer Zwitterhaftigkeit. Sie heißen im Deutschen noch 
fliegender Hund.oder Fuchs, fliegende Katze, geflügelter Affe, Flattermakt, wunder¬ 
bare Fledermaus re. Auch ihre Stellung im System ist keine gesicherte. Linne bringt sie zu den 
Makis, Cuvier zu den Fledermäusen, Geoffroy zu den echten Raubthieren, Oken zu den 
Beutelratzen, und jeder Einzelne scheint sich wegen Dessen, was er gethan, besonders verwahren zu 
müssen. So stehen die Armen allein und'verlassen an der Grenze zweier Ordnungen, verkannt oder 
wenigstens als nirgends hinpassende, einsame Gesellen in der Thierreihe da und müssen froh sem, 
daß ihnen nur überhaupt ein stilles Plätzchen angewiesen wurde. 
Die Flattermakis sind katzengroße Thiere von schlankem Leibesbau, deren mittellange Glted- 
maßen durch eine breite und dick auf beiden Seiten behaarte Haut verbunden sind. Ihre fünf Zehen 
haben zurückziehbare Krallennägel und keinen der übrigen Hand entgegensetzbaren Daumen. Der 
Schwanz ist kurz und steckt mit in der Flatterhaut. Der Kopf ist Verhältniß mäßig klein, die Schnauze 
sehr verlängert und das Gebiß von dem aller Affen und Aeffer abweichend; denn die Zähne bilden 
eigentlich keine geschlossenen Reihen mehr, und die Schneidezähne des Unterkiefers sind kammartrg 
gezackt oder an ihrer Krone vielfach getheilt. Die Augen sind mäßig groß, die behaarten Ohren^klem. 
Jede Brust hat zwei Zitzen. — Das Merkwürdigste am ganzen Thiere ist seine Flatterhaut, ene ist 
keine Flughaut, sondern nur ein Fallschirm, welcher den Leib zu weiten Sprüngen und langsamerem 
Fallen befähigt. Mit der Flughaut der Fledermäuse hat sie keine Aehnlichkeit. Sre ist eme Fort¬ 
setzung der Leibeshaut, beginnt am Halse, verbindet sich mit dem Vorderbein, umhüllt dieses bts zur 
Hand, verläuft in gleichmäßiger Breite nach der Hinterhand und geht nun endlich nach der Schwanz¬ 
spitze. So stecken alle Glieder gleichsam in ihr. 
Wir beschreiben alle Pelzflatterer, wenn wir eine Art schildern; denn die Unterschiede zwischen den 
zwei drei oder vier Arten — die Meinungen sind getheilt — beziehen sich nur auf Größe, Zahnbau 
und Haarfärbung, sind also ^unwesentlich zur Darstellung der Lebensverhältnisse unserer Thiere. 
Der gemeine oder rothe Flattermaki (Galeopithecus rufus oder volans) ist einen Fuß und 
zehn Zoll lang, wovon vier Zoll auf den Schwanz zu rechnen sind, und von einem Saum der aus¬ 
gebreiteten Flughaut zum andern zwei Fuß breit. Die Behaarung ist auf dem Rücken drcht, an den 
Vorderarmen aber spärlich; die Achfelgegend und die Seiten des Leibes sind nackt. Braunroth ist dre 
Hauptfarbe des erwachsenen Thieres; das Junge ist oben bräunlichgrau, an den Sellen dunkelbraun 
gewellt, und auf den Gliedmaßen und der Flatterhaut lrcht gefleckt. 
Die Heimat des rothen Flattermaki und aller seiner Verwandten sind dre Sundamseln, Molukken 
und Filippinen, auch die Halbinsel Malakka und die sie umgebenden kleinen Eilande. 
Bontius erwähnt zuerst der sonderbaren Thiere in seiner Naturgeschichte Indiens. „In 
Gumrata " sagt er, „giebt es wunderbare Fledermäuse, welche den Reisenden wegen ihrer Größe wie 
ein Wunder vorkommen. Die Holländer nennen sie geflügelte Affen." Nach ihm haben andere 
Beobachter ziemlich genaue Schilderungen der Lebensweise dieser Thiere gegeben. - 
Alle Flattermakis sind Nachtthiere. Bei Tage sieht man sie, tote dre Fledermäuse, mit den Hinter- 
deinen angeklammert, oft massenweise auf dichtbelaubten Banmkvnen hängen. Mit Einbruch der Nacht 
erwachen sie aus ihrem Schlummer, verändern ihre Stellung, indem sie sich mit allen vier Be,neu an
        

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