Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/169/
Leben des Saimiri. Beschreibung des Titi. 
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ein Kampf entsponnen hat. Die Jaguars z. B. machen Jagd auf die Bisamschweine und Tapirs, 
welche nur Schutz finden, indem sie beisammenbleiben und, in gedrängten Rudeln dahinjagend, das 
ihnen in den Weg kommende Gebüsch niederreißen. Die Affen, scheu und furchtsam, erschrecken ob 
dieser Jagd und beantworten von den Bäumen herab das Geschrei der größeren Thiere. Sie wecken 
die gesellig lebenden Vögel auf, und nicht lange, so ist die ganze Gesellschaft in Aufruhr." 
Der Todtenkopf gehört zu den Furchtsamsten der Furchtsamen, so lange er sich nicht von 
seiner vollkommenen Sicherheit überzeugt hat; er wird aber zu einem echten Affen, wenn es gilt, 
handelnd aufzutreten. Er ist ein Kind in seinem Wesen, und kein anderer Asse sieht auch im Gesicht 
einem Kinde so ähnlich, als er: „es ist derselbe Ausdruck von Unschuld, dasselbe schalkhafte Lächeln, 
derselbe rasche Uebergang von Freude zur Trauer." Sein Gesicht ist der treue Spiegel der äußeren 
Eindrücke und inneren Empfindungen. Wenn er erschreckt wird, vergießen seine großen Augen 
Thränen, und auch den Schmerz giebt er durch Weinen zu erkennen. Seine Empfindlichkeit und 
Reizbarkeit ist groß; doch ist er nicht eigenwillig und seine Gutmüthigkeit bleibt sich fast immer gleich, 
so daß es eigentlich schwer ist, das liebe Thierchen zu erzürnen. Auf seinen Herrn achtet er mit großer 
Sorgfalt. Wenn man in seiner Gegenwart spricht, wird bald seine ganze Aufmerksamkeit rege. Er 
blickt Einem starr und unverwandt ins Gesicht, verfolgt und beobachtet mit seinen lebhaften Augen 
jede Bewegung der Lippen und sucht sich dann bald zu nähern, klettert Einem auf die Schulter und 
betastet Zahn und Zunge sorgfältig, als wolle er dadurch die ihm unverständlichen Laute der Rede 
zu enträthseln suchen. 
Seine Nahrung nimmt er mit den Händen, oft aber mit dem Munde auf. Mit seinem Schwänze 
vermag er erreichbare Dinge an sich zu ziehen, kann sie aber nicht damit festhalten. Verschiedene 
Früchte und Blattknospen bilden wohl den größten Theil seiner Mahlzeiten; doch ist er auch ein 
eifriger Jäger von kleinen Vögeln und Kerbthieren. Ein von Humboldt gezähmter Eichhornaffe 
unterschied sogar abgebildete Kerbthiere von anderen bildlichen Darstellungen und streckte, so oft man' 
ihm die bezügliche Tafel vorhielt, rasch die kleine Hand aus, in der Hoffnung, eine Heuschrecke oder 
Wespe zu erhalten. 
Sein liebenswürdiges Wesen macht ihn allgemein beliebt. Er wird sehr gesucht und zum Ver¬ 
gnügen Aller gehalten. Auch bei den Wilden ist er gern gesehen und deshalb oft ein Gast ihrer 
Hütten. Alt Gefangene überleben selten den Verlust ihrer Freiheit, und selbst die, welche in der ersten 
Jugend dem Menschen zugesellt wurden, dauern nicht lange bei ihm aus. 
Die Indianer jagen am liebsten an kühlen, regnerischen Tagen nach dem Saimiri. „Schießt 
man," erzählt Humboldt, „mit Pfeilen, welche in verdünntes Gift getaucht sind, auf einen jener 
Knäuel, so sängt man viele junge Affen auf einmal lebendig. Der junge Saimiri bleibt im Fallen 
an seiner Mutter hängen, und wird er durch den Sturz nicht verletzt, so weicht er nicht von Schulter 
und Hals des todten Thieres. Die meisten, welche man in den Hütten der Indianer antrifft, sind 
auf diese Weise von den Leichen ihrer Mütter gerissen worden." 
Selbst diejenigen, welche schon länger in der Gefangenschaft gelebt haben, sind aus dem Innern 
schwer nur bis an die Küste zu bringen. Sobald man die Wälder hinter sich hat und die Steppen 
betritt, werden sie traurig und niedergeschlagen und siechen allgemach dahin. In Europa gehören sie 
zu den größten Seltenheiten der Thiergärten und Schaubuden. 
Der Titi oder die Viudita (kleine Witwe) der Spanier wird gegenwärtig einer andern Sippe 
zugezählt, als der Saimiri, den man Chrysothrix genannt und abgetrennt hat, weil er sich von jenem 
und seinem Verwandten durch den Kopfbau und die Zahl der rippentragenden Wirbel unterscheidet. 
Unsere kleine Witwe (Chrysothrix torquata) ist ein äußerst niedliches und farbenschönes Ge¬ 
schöpf. Ihre Leibeslänge beträgt fünfzehn, die Schwanzlänge achtzehn Zoll. Das Haar ist fein und 
glänzend, fehlt aber in dem weißen, ins Blaue spielenden Gesicht und auf den kleinen, wohlgebildeten 
Ohren. Von der schwarzen Grundfarbe hebt sich ein weißes Kehlband scharf ab, und auch die Vorder-
        

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