Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/15/
Mensch und Thier. Das System. Wirbelthiere. Einhelligkeit des Baues der Säugethiere. XI 
sähe der Ausbildung des thierischen Leibes zur Geltung brachte und die wirbellosen den Wirbel- 
Thieren gegenüber stellte. Er vereinigte die ersten vier Klassen Linnös zu der einen, die beiden letzten 
zu einer andern Halbscheid, trennte dagegen die bunt zusammengeworfenen „Kerbthiere" und „Würmer", 
ihrer natürlichen Beschaffenheit Rücksicht tragend, in drei größere Kreise (Weich-, Glieder- und 
Pflanzenthiere) und bildete aus ihnen fünfzehn Klassen. Hiermit legte er den Grund der heutigen 
Thierkunde: und alle Naturforscher nach ihm haben nur auf dieser Grundlage fortgebaut. 
Es ist unerläßlich, daß wir zunächst, wenn auch nur flüchtig, eineil Blick auf die Gesammtheit 
der Klassen werfen, deren erste uns zunächst beschäftigen soll. Alle Wirbelthiere haben so entschieden 
übereinstimmende Merkmale, daß sie niemals mit beit wirbellosen Thieren verwechselt werden können. 
Sie kennzeichnet das innere Knochengerüst, welches Höhlen für Gehirn und Rückenmark bildet 
und von Muskeln bewegt wird, die Gliedmaßen, deren Zahl niemals vier überschreitet, das rothe 
Blut und ein v ollständigesG efäßnetz. Ihre hohe Entwickelung ist deutlich genug ausgesprochen. 
Das große Gehirn befähigt sie zu einer geistigen Thätigkeit, welche die aller übrigen Thiere weit über¬ 
wiegt; ihre Sinneswerkzeuge sind mehr oder minder einhellig, gleichmäßig entwickelt: Augen und 
Ohren sind fast immer vorhanden und dann stets paarig; die Nase besteht aus zwei Höhlen und dient 
nur ausnahmsweise als Tastwerkzeug; die stets schmeckfähige Zunge ist ausschließliches Eigenthum der 
Abtheilung. Leber und Nieren finden sich immer; die Milz ist nur selten nicht vorhanden. Alle sind 
getrennten Geschlechts und pflanzen sich blos durch Begattung fort. Bewegungsfähigkeit, Empfindung 
und Lebendigkeit sind ihnen gemein. 
Die Säugethiere stehen in dieser Abtheilung entschieden oben an: und eine solche Stellung 
verlangt der Walfisch ebenso gebieterisch, wie der Mensch, welcher die höchste denkbare Entwickelung 
im Thierreiche darstellt. Eine ebenmäßige Ausbildung aller Leibestheile und die überwiegende Masse 
des Gehirns spricht sich beim Elefant wie bei der Maus, beim Hunde wie beim Schnabelthier 
aus. Die Säugethiere haben eine sehr vollkommene Lungenathmung und deshalb rothes, warmes 
Blut, und sie gebären lebendige Junge, welche sie mit einer eigenthümlichen Drüsenabsondernng, der 
Milch an ihren Brüsten oder Zitzen eine Zeit lang säugen. Sie bilden die am schärfsten und bestimm¬ 
testen nach außen hin abgegrenzte Klasse; denn so groß auch ihre äußere Verschiedenheit sein mag, so 
groß ist die Uebereinstimmung ihres inneren Baues. 
Dem Uneingeweihten wird es freilich schwer, zu glauben, daß der Löwe und der Walfisch, 
der Seehund und die Fledermaus nach ein und demselben Plane gebaut sind: ein einziger Blick 
auf das Geripp dieser Thiere aber überzeugt auch ihn von der Uebereinstimmung der ganzen Anlage 
bei allen diesen so verschiedenen Gestalten. 
Der S ch ädel ist bei ihnen, wie bei allen übrigen Säugethieren, von der Wirbelsäule getrennt; 
er besteht überall aus den nämlichen, im Wesentlichen gleichartig verbundenen Knochenstücken; sein Ober¬ 
kiefer ist stets mit ihm verwachsen, und die in ihm und dem Unterkiefer stehendenZäh ne haben, so ver¬ 
schiedenartig sie gebaut oder gestellt sind, doch das Eine gemein, daß sie immer in Zahnhöhlen oder 
Alveolen eingekeilt sind. Sieben Wirbel bilden den Hals, mag er nun kurz oder lang feilt, den 
Hals der Girafe ebensowohl als den des Maulwurfs; und wenn es auch scheinen will, daß die 
Faulthiere mehr und einige Wale weniger Wirbel des Halses zählen, so zeigt die scharfe 
Beobachtung doch deutlich, daß dort die überzähligen Wirbel zur Brust gerechnet und hier die fehlenden 
als zusammengeschmolzene angesehen werden müssen. Schon den Vögeln gegenüber zeigt sich der Hals 
der Säugethiere als durchaus einhellig gebaut: denn dort nimmt mit der Länge des Halses auch die Zahl 
derWirbel zu. Der Brusttheil der Wirbelsäule wird von 10 bis 23, der Lendentheil von2 bis 9, die 
Krenzbeingegend von ebensovielen und der Schwanz von 4 bis 46 Wirbeln gebildet. Rippen oder 
Rippenstummel kommen zwar an allen Wirbeln vor; doch versteht man gewöhnlich unter den Rippen 
blos die an den Brustwirbeln sitzenden, platten und gebogenen Knochen,-welche sich mit dem Brustbeine 
entweder fest oder durch Knorpelmasse verbinden und die Brusthöhle einschließen. Ihre Zahl stimmt 
regelmäßig mit jener der Brustwirbel überein; die Zahl der wahren oder fest mit dem Brustbein ver¬ 
wachsenen tut Verhältniß zu den falschen oder durch Knorpelmasse an das Brustbein gehefteten ist aber 
großen Schwankungen unterworfen. Die Gliedmaßen sind diejenigen Theile des Säugethierleibes, 
welche schon im Geripp die größten Verschiedenheiten bemerklich werden lassen: — fehlt doch das Hintere 
Paar manchen Walthieren gänzlich oder verkümmert wenigstens bis auf ganz unbedeutende Stummel! 
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