Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ueber psychische Causalität und das Princip des psychophysischen Parallelismus
Person:
Wundt, W.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29437/90/
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W. Wundt. 
Erscheinung selber niemals mit absoluter Vollständigkeit abzu¬ 
leiten im Stande sind. Die Rolle einer solchen regulativen Idee 
spielt das Princip insbesondere überall da, wo die Lösung der cau- 
salen Aufgabe zu einem unendlichen, also transcendenten Problem 
wird. Nun geht in einem gewissen Sinn jedes einzelne, auch das 
einfachste Causalproblem, sobald man es in Verbindung mit den 
weiteren Causalreihen bringt, mit denen es im Zusammenhang steht, 
in eine unendliche Aufgabe über. Da wir aber eine solche unbe¬ 
grenzte Weiterverfolgung in einem großen Gebiet der Naturerklärung 
unterlassen können, ohne damit die Lösung der Einzelprobleme zu 
schädigen, ja im Gegentheil zum Behuf einer solchen Lösung 
unterlassen müssen, so betrachten wir in allen solchen Fällen die 
einzelnen Causalprobleme mit Recht als beschränkte oder doch will¬ 
kürlich zu beschränkende und darum an sich selbst rein empirische 
Aufgaben. Das wird anders in allen den Fällen, wo in den für 
jede gegebene Wirkung in Ansatz zu bringenden nächsten Ursachen 
bereits Unmittelbar Bedingungen mit enthalten sind, die ohne 
einen unendlichen Causalregressus gar nicht begriffen werden könn¬ 
ten. Dieser Fall, der bei zahlreichen Lebensvorgängen und vor¬ 
nehmlich bei psychophysischen Erscheinungen vorliegt, unterscheidet 
sich wesentlich von jenem andern, bei dem das Causalproblem nur 
durch den Regressus auf weitere und weitere sich anschließende 
Probleme transcendent wird. Dass die Erde in diesem Moment 
diese bestimmte Stellung zur Sonne einnimmt, ist aus ihren un¬ 
mittelbar vorangegangenen Zuständen vollständig abzuleiten. Diese 
ihrerseits führen dann immer weiter und schließlich auf eine un¬ 
endliche Reihe zurück, die wir irgendwo willkürlich abbrechen 
müssen. Die Reihe kann in einzelnen Gliedern hypothetisch und 
möglicher Weise auch irrig sein, aber keiner ihrer Bestandtheile 
schließt ein transcendentes Problem ein: letzteres entsteht erst 
dann, wenn wir fordern, es solle in dieser Weise bis zu einem 
absoluten Anfang der Dinge zurückgegangen werden. Ein ein¬ 
zelner Lebensvorgang und besonders ein einzelner Gehirnvorgang 
dagegen kann unmittelbar in sich die Nachwirkungen einer Causal- 
reihe enthalten, die wir weder thatsächlich noch hypothetisch zu 
reconstruiren vermögen.. Hier bleibt daher von vornherein das 
Princip der physischen Causalerklärung eine bloße Forderung, mit
        

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