Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ueber psychische Causalität und das Princip des psychophysischen Parallelismus
Person:
Wundt, W.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29437/73/
Ueber psychische Causalität und das Princip des psychophysischen Parallelismus. 73 
»Wer das geistige Leben will erkennen und beschreiben, 
Sucht erst den Geist heraus zu treiben, 
Dann hat er die^Theile in seiner Hand, 
Fehlt leider! nur das geistige Band.« 
Das Verfahren aber, durch welches diese Psychologie die psychischen 
Vorgänge auf allerlei hypothetische physiologische Processe, auf 
schwingende Ganglienzellen, Irradiationen und ähnliches zurück- 
fiihrt, nennt sich »empirische« Methode. Im Gegensatz zu dieser 
wird dann jeder Versuch, einen gegebenen psychischen Thatbestand 
in seinem wirklichen Verhalten und in seinen Verbindungen mit 
andern Thatsachen festzustellen, als »Metaphysik«, als ein Operiren 
mit »transcendenten Seelenvermögen« verpönt. In der That, wer 
physiologische Hirngespinnste für empirische Thatsachen hält, dem 
kann billiger Weise nicht verdacht werden, wenn ihm empirische 
psychologische Thatsachen metaphysisch und transcendent Vor¬ 
kommen. Ich ziehe es meinerseits vor, in den Augen solcher 
Empiriker lieber für einen Nicht-Empiriker zu gelten. 
Sigwart bemerkt in seiner »Methodenlehre«, in der Richtung 
der Aufgabe der Psychologie, den Geisteswissenschaften eine 
Grundlage zu bieten, habe sich »die der Physiologie zugewendete 
Seite der psychologischen Forschung bis jetzt ziemlich unfruchtbar 
erwiesen«1). Ich halte dieses Urtheil für nicht ganz gerecht, aber 
für begreiflich. Für nicht ganz gerecht, weil Sigwart, der seine 
Kenntniss der experimentellen Psychologie wesentlich aus Münster- 
herg’s Schrift »über die Aufgaben und Methoden der Psychologie« 
zu schöpfen scheint, doch wohl das, was die experimentelle Methode 
für die unbefangene Auffassung der elementaren psychischen Vor¬ 
gänge wirklich geleistet hat, nicht zureichend zu würdigen weiß. 
Ich werde auf diesen Punkt im folgenden Abschnitt zurückkommen. 
Für begreiflich, für allzu begreiflich, und fast zugleich für unbe¬ 
greiflich mild halte ich aber Sigwart’s Urtheil, insofern es sich 
eben bloß auf die Beurtheilung der materialistischen Psychologie 
stützt. Diese hat, wie ich meine, nicht bloß für die Geisteswissen¬ 
schaften, sondern sie hat auch für die Psychologie selbst nichts 
geleistet. Hat sie doch für diese eigentlich nicht einmal etwas 
1) Sigwart, Methodenlehre. 2. Aufl. S. 572.
        

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