Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ueber psychische Causalität und das Princip des psychophysischen Parallelismus
Person:
Wundt, W.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29437/115/
Ueber psychische Causalität und das Princip des psychophysischen Parallelismus. 115 
neue hinzutreten. Das nämliche gilt für unsere zeitlichen Yer- 
knüpfungsformen der Empfindungen, die metrische und rhythmische 
Ordnung. Erst indem wir uns klarmachen, wie sich schon hei der 
einfachsten Wahrnehmung dies Princip der schöpferischen Synthese 
bethätigt, werden uns nun aber auch die höheren psychischen Ge¬ 
bilde, die Producte der intellectuellen Functionen, unter dem gleichen 
Gesichtspunkte verständlich: sie erscheinen nicht mehr als völlig 
disparate Erzeugnisse, die den niederen psychischen Functionen un¬ 
vergleichbar gegenüberstehen, sondern als zusammengesetztere Weiter¬ 
entwickelungen der einfachsten seelischen Vorgänge. So ist es, wenn 
man nicht bei oberflächlichen und nichtssagenden Merkmalen stehen 
bleiben will, als die Eigenthümlichkeit aller Phantasiethätigkeit 
anzusehen, dass sie von einheitlichen Gesammtvorstellungen ausgeht, 
die nach intellectuellen Motiven, die sich über die verschiedensten 
Regionen des Seelenlebens erstrecken, gebildet sind. Solche Ge¬ 
sammtvorstellungen, wie sie ja in der deutlichsten Weise namentlich 
jeder künstlerisch planvollen Wirksamkeit der Phantasie zu Grunde 
liegen, sind schöpferische Synthesen, die sich unter zusammen¬ 
gesetzten Bedingungen bilden, und an denen sich namentlich weiter 
zurückliegende Erwerbungen des Bewusstseins hetheiligen. Aehu- 
liches gilt von den unter dem Vorwalten logischer Motive zu Stande 
kommenden Gesammtvorstellungen, den Begriffen1). 
Auch das Princip der schöpferischen Synthese enthält ein wich¬ 
tiges Unterscheidungsmerkmal der psychischen von der physischen 
Causalität. Die Qualität physischer Wirkungen ist stets vollständig 
vorgebildet in ihren Ursachen. Dies erhellt aus den Causalglei- 
chungen, in denen sich die Beziehungen beider zu einander dar¬ 
stellen lassen. So sind die beiden Glieder einer Kraftgleichung 
unmittelbar als gleichartige Größen oder Größenfunctionen gegeben, 
1) Vergl. Physiol. Psychol. 4. Aufl. II. S. 490 ff. Vorles. üb. die Menschen- 
und Thierseele. 2. Aufl. S. 334ff. Ich darf wohl hier bemerken, dass die oben 
hervorgehobenen Principien psychischer Causalität in den beiden genannten 
erken sowie anderwärts mehrfach von mir im Einzelnen hervorgehoben worden 
sind. Wenn diese Ausführungen so gut wie gar keine Beachtung von Seiten 
er Psychologen gefunden haben, so liegt der Grund zum Theil vielleicht darin, 
ich8 816 an versc*lle<^enen Orten zerstreut sind. Als die Hauptursache glaube 
jc aber doch das geringe Interesse ansehen zu dürfen, das die heutige Psycho- 
°g!e den synthetischen Aufgaben ihrer Wissenschaft entgegenbringt.
        

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