Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ueber psychische Causalität und das Princip des psychophysischen Parallelismus
Person:
Wundt, W.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29437/105/
lieber psychische Causalität und das Princip des psychophysischen Parallelismus. 105- 
wenig im Stande direct eine Handlung hervorzubringen, wie die 
Erde an sich, ohne dass ein Körper in die hierzu geeignete Lage 
gebracht wird, den Fall eines Körpers bewirken kann. Zugleich 
besteht aber ein wesentlicher Unterschied zwischen solchen ur¬ 
sprünglichen Anlagen und den permanenten Bedingungen der Natur¬ 
ereignisse. Jene Anlagen wirken nämlich, auch wenn die hinzu¬ 
tretenden Ursachen dieselben sind, nicht in unveränderlicher Weise, 
sondern die Erfahrung lehrt, dass sie selbst durch die hinzu¬ 
tretenden actuellen Ursachen einer fortwährenden Ver¬ 
änderung unterworfen sind. Auch sie können daher nicht als 
constante, sondern nur als veränderliche Bedingungen betrachtet 
werden, die die actuellen psychischen Ursachen irgendwie modifi- 
ciren, dabei aber ihrerseits durch das einzelne Geschehen fortwäh¬ 
rend modificirt werden. Können demnach diese veränderlichen 
Anlagen die psychische Causalität nicht ihres actuellen Charakters 
berauben, so ist dies natürlich noch weniger bei jenen com- 
plexen Erzeugnissen vieler einzelner Vorereignisse der Fall, die wir 
wohl als erworbene Anlagen bezeichnen. Als Collectivbegriffe 
können diese der praktischen psychologischen Interpretation ihre 
Dienste leisten. Niemals darf man sich aber dem Glauben hin¬ 
geben, dass dadurch das handelnde Individuum selbst in ein con¬ 
stantes, allen Einflüssen in unabänderlicher Weise begegnendes 
Subject verwandelt werde. In der That sieht sich ja auch schon 
die praktisch-psychologische Motivirung fortwährend genöthigt, eben 
dieser Veränderlichkeit auch der relativ regelmäßig wirkenden psy¬ 
chischen Bedingungen Rechnung zu tragen. Jene Aufstellung eines 
constanten Subjectes als der beharrenden Ursache alles individuellen 
psychischen Geschehens ist also eine reine Fiction, die niemals und 
nirgends, wo man wirklich den Versuch macht, psychische Vorgänge 
causal zu begreifen, festgehalten wird. Jeder causaient psychologi¬ 
schen Interpretation ist, wenn sie nur ein wenig in die Tiefe dringt, 
das handelnde Subject keine constante Bedingung, sondern eine 
Summe von Ursachen und Bedingungen, von denen die ersteren in 
psychischen Ereignissen, die letzteren aber in fortwährend modi- 
ficirbaren Anlagen bestehen, die den Charakter von veränder¬ 
lichen Zuständen, nicht von permanenten Eigenschaften besitzen. 
Dazu kommt, dass diese Anlagen stets die Frage nach ihrer
        

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