Bauhaus-Universität Weimar

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J. C. Eeil. 
[149] vorgestellt wird1), und uns den Geschmack eines Weines 
nicht vorstellen, ohne daß wir zu gleicher Zeit an die Farbe des¬ 
selben und an das Gefäß erinnert werden, worin es sich befindet. 
Der Wille ist hier ganz ohne Wirkung, sein Reiz ist schwächer 
als der Reiz der Assoziation. Alle diese tierischen Tätigkeiten, 
die durch ihre Assoziation sich von der Herrschaft des Willens 
losgemacht haben, haben ihre moralische Freiheit verloren. Ge¬ 
wisse Tätigkeiten des Gehirns, die einen vorzüglichen Grad von 
Stärke haben, welcher durch Verlangen oder Abscheu sichtbar 
wird, sind mit dem Willen notwendig und habituell assoziiert 
und bestimmen ihn, daß er als Reiz andere Gruppen und Züge 
tierischer Tätigkeiten erregen muß, wenn nicht etwa diese Asso¬ 
ziation durch einen anderen Zirkel oder Zug tierischer Tätig¬ 
keiten, der noch stärker ist, unterbrochen werden kann. Beispiele 
zum Beweis dieses Satzes finden sich leicht. Da also unser 
moralischer Wert mit der Assoziation unserer Vorstellungen und 
Bewegungen in der genauesten Verbindung steht: so erhellt hier¬ 
aus vorzüglich die Notwendigkeit einer guten Erziehung. Anfäng¬ 
lich werden die Bewegungen und Vorstellungen und die Ordnung, 
in welcher sie zusammen sind, durch äußere Ursachen bestimmt, 
die die Pädagogik nach einer gewissen Regel einriehten kann. 
Sie muß keine Assoziationen habituell werden lassen, die unserm 
moralischen Charakter nachteilig sind, und unmoralischen [150] 
Assoziationen unseres Willens mit Verlangen und Abscheu andere 
Züge entgegenstellen, die so stark sind, daß sie die Asso¬ 
ziationen des Willens mit einem unmoralischen Verlangen und 
Abscheu zu unterbrechen imstande sind. Daß die individuelle 
Beschaffenheit des Gehirns, der Nerven und des Körpers und die 
spezifische Empfänglichkeit dieser Teile gegen gewisse Reize die 
Wirkungen der Außendinge sehr modifizieren, ist wohl unleugbar. 
Diese Beschaffenheit kann aber nicht durch moralische Erziehung, 
sondern durch physische Mittel verbessert werden. 
Die Ursache, warum tierische Organe, die oft in einer be¬ 
stimmten Ordnung, entweder gleichzeitig oder in einer gewissen 
Folge zusammengewirkt haben, eine Neigung behalten, wieder 
in derselben Ordnung zusammenzuwirken, wenn ein Glied in der 
Gruppe durch einen zufälligen Reiz erregt ist, ist wohl jetzt für 
uns noch ganz verborgen. Wir kennen zu wenig ihrer Natur 
1) Darwin a. a. O., erster Teil, S. 16, nennt solche Vorstellungen 
Ideen der Suggestion.
        

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