Bauhaus-Universität Weimar

Von der Lebenskraft. 
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3. Erfolgen die periodischen Veränderungen der Lebenskraft 
durch innere, im Körper vorhandene Reize. Dahin rechne ich die 
Erhöhung der Reizbarkeit in der Harnblase und im Mastdarm 
zur Zeit, wo in diesen Organen Trieb zur Ausleerung sich äußert. 
4. Werden sie bestimmt durch Gewohnheiten und Assozia¬ 
tionen. Anfangs wird durch irgendeine zufällige Ursache zu 
einer bestimmten Zeit eine Kongestion feiner Stoffe in irgendeinen 
Teil bewirkt, durch welche seine Reizbarkeit erhöht wird. In 
der Folge wird diese Kongestion habituell [138] und erfolgt auch 
ohne Wirkung der ersten Ursache. Der Schlaf zeigt sich bei 
vielen Menschen zur bestimmten Stunde, so auch der Hunger, 
und wenn sie in der Stunde nicht essen und schlafen, so vergeht 
Schlaf und Hunger wieder. So verhält es sich auch mit dem 
Triebe auf Stuhlgang und Urin. Testa1) erzählt ein Beispiel 
von einem Menschen, der in gesunden Tagen immer des Abends 
zu Stuhle zu gehen gewohnt war. Er bekam Verstopfung. Testa 
verschrieb ihm drei Tage lang Laxiermittel, die er des Morgens 
nahm, allein sie wirkten alle drei nichts. Dann gab er ihm am 
Abend eine gelinde Purganz, also zur Zeit, wo die Reizbarkeit 
seines Darmkanals gewöhnlich erhöht war, und diese machte so¬ 
gleich offnen Leib. 
Ich kann mich nicht enthalten, hier die Empirie zu berühren, 
nach welcher wir Quantität und Zeit bestimmen, in welcher wir 
Arzneien geben. Und doch sind diese keine so gleichgültigen 
Dinge. Warum geben wir alle Stunden, warum einen Eßlöffel 
voll von einer antiphlogistischen Portion? Die periodischen 
Veränderungen der Temperatur müssen die Zeit, und der Grad 
ihrer Veränderung die Dose bestimmen. Wir würden unendlich 
mehr Gutes stiften, wenn wir mit diesen Veränderungen des 
Körpers die Zeit und Dose der Medikamente in ein harmonisches 
Verhältnis bringen könnten. 
5. Scheinen die Veränderungen in der Temperatur der Lebens¬ 
kraft auch abhängig zu sein von dem Einfluß des Seelenorgans 
[139] auf die übrige tierische Maschine. Das Seelenorgan kann 
die Reizbarkeit gewisser Teile erhöhen und erniedrigen. Wir 
können fast immer Harn lassen und den Trieb zum Harnen und 
Stuhl für eine Zeitlang wieder unterdrücken. Der Hypochondrist 
empfindet in jedem Teile seines Körpers Schmerz, auf welchen 
er durch Entschluß die Aufmerksamkeit seiner Seele richtet. 
1) A. a. O. S. 196.
        

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