Bauhaus-Universität Weimar

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J. C. Keil. 
Materie hat zwar auch die allgemeinen Eigenschaften der Materie; 
allein sie stehen in Verhältnis mit ihrer eigentümlichen Be¬ 
schaffenheit und werden durch dieselbe modifiziert. Nur die 
lebendige tierische Materie ist des schnellen Wechsels der Kohärenz 
fähig, den wir bei der Wirkung gereizter tierischer Organe beob¬ 
achten, und diese offenbart sich durch eine abwechselnde Zu¬ 
sammenziehung und Erschlaffung. 
§ 16. 
Selbständigkeit und Unabhängigkeit der Organe voneinander. 
Alle Organe des tierischen Körpers stehen zwar untereinander 
in einer gewissen Verbindung, keins kann ohne das andre fort- 
dauern und die Erhaltung des einen hängt wechselseitig von der 
Erhaltung des andern ab. Allein diese Tatsache muß uns nicht 
zu einem falschen Schluß verleiten, als wenn die nächste Ursache 
der Wirkung eines Organs außer demselben in etwas anderm 
liegen könne. Nein! ein jedes Organ ist unabhängig und selb¬ 
ständig, es wirkt für sich und durch sich, durch die Energie 
seiner eigenen Kräfte: und der nächste Grund aller Erscheinungen, 
die es hervorbringt, ist in ihm selbst unmittelbar enthalten. 
Durch seine eigenen Kräfte lebt es, erhält sich, nährt sich, wächst 
und bringt die Erscheinungen hervor, zu welchen es, vermöge 
seiner Einrichtung, fähig ist. 
Freilich können die eigentümlichen Kräfte eines Organs nur 
fortdauern und wirken unter einem gewissen Verhältnisse mit 
den Dingen außer ihm, d. h. unter der Bedingung, daß es mit 
dem ganzen Körper Zusammenhängen muß. Allein auch das 
ganze Individuum kann nicht ohne ein gewisses Verhältnis zu 
den Dingen außer ihm bestehen, obgleich niemand ihm seine 
unabhängige Energie absprechen kann. Zum Sehen wird eine 
durchsichtige Hornhaut erfordert, ob sie gleich nicht die Ursache 
des Sehens ist. Ohne Luft und Nahrungsmittel kann kein Tier 
leben, obgleich die Dinge nicht die nächste Ursache seines 
Lebens sind. 
[105] Wir müssen daher ein jedes Organ als selbständig 
und in Ansehung der nächsten Ursache, durch welche es wirkt, 
unabhängig von allen andern Organen als ein besonderes für sich 
bestehendes organisches Wesen betrachten, das sich nur an die 
andern anhängt, ein Parasit derselben ist und wieder zum Para-
        

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