Bauhaus-Universität Weimar

Von der Lebenskraft. 
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Eigenschaften der übrigen Materie, also auch ihre chemischen 
Gesetze geändert. So fault auch kein totes Fleisch, solange 
man demselben Branntwein zusetzt; so gärt keine Gerste, so¬ 
lange nicht ein Bestandteil von derselben, die Colla, durchs 
Keimen ausgeschieden ist.1) 
§ 9. 
Unterschied der belebten Natur von der toten. 
Das allgemeinste Merkmal, durch welches sich organische 
und unorganische Körper voneinander unterscheiden, sagt man, 
sei dieses: daß jene durch Ansatz von außen, diese durch An¬ 
satz von innen zunehmen und sich vergrößern. Allein dies 
Merkmal ist falsch, beide, organische und unorganische Körper 
nehmen durch Ansatz von außen zu. Beiden wird eine außer 
ihnen befindliche Materie zur Nahrung zugeführt. Die Materie, 
die einer organischen Faser im Innern des Körpers zur Nahrung 
zugesetzt wird, ist in Beziehung der Faser, der sie zugesetzt 
wird, etwas Äußeres und kann wegen Impenetrabilität der 
Materie der Faser nicht anders als von außen zugesetzt werden. 
Ebenso dringen auch in poröse und röhrichte Fossilien, im Torf 
zum Beispiel, Erdharze und andre mineralische Substanzen ein, 
die sich an Teile des Fossils ansetzen, die unter seiner Ober¬ 
fläche liegen. 
Organische Wesen, sagt Kant,2] sind nicht bloße Natur¬ 
produkte, sondern Naturzwecke: jeder [55] Teil verhält sich 
als Mittel und zugleich als Zweck zu allen übrigen, ist durch 
alle übrige und für alle übrige da. In dem Ganzen ist alles 
notwendig bestimmt, das Ganze durch seine Teile und diese 
durch jenes. Die Nerven können nicht ohne Herz und das 
Herz nicht ohne Nerven sein; das Blut verlangt einen Magen 
und der Magen Blut. Allein obgleich in gewisser Bücksicht 
im organischen Körper eine zweckmäßige Konspiration aller 
Teile zur Erhaltung des Ganzen stattfindet: so hat doch dieses 
1) Ich kann daher der Definition, die Humboldt (in seinen 
Aphorismen aus der chemischen Physiologie der Pflanzen, Leipzig 
1794 S. 1—9) von der Lebenskraft gibt, nicht beistimmen. Diejenige 
innere Kraft, sagt er nämlich, welche die Bande der chemischen Ver¬ 
wandtschaft auflöst und die freie Verbindung der Elemente in den 
Körpern hindert, nennen wir Lebenskraft. 
2) A. a. O. S. 263—291.
        

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