Bauhaus-Universität Weimar

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J. C. Reil. 
trachten, die für uns in der Erfahrung keinen weiteren abso¬ 
luten Grund haben, und denen ich daher auch keine Substanz, 
in der sie gegründet sein sollen, andichten kann. Eine Seele, 
als Substanz betrachtet, die den absoluten Grund der Vor¬ 
stellungen enthält, ist ein Ding, für welches wir in der Er¬ 
fahrung keinen Beweis haben. Wir können sie daher auch 
nicht als einen Erklärungsgrund oder als eine Ursache tieri¬ 
scher Erscheinungen in einer rationellen [10] Naturlehre an¬ 
nehmen. Die Vorstellungen sind übrigens mit einer bewegen¬ 
den Kraft begabt, wirken auf die Materie und nehmen Wir¬ 
kungen yon der Materie an. 
Die Erscheinungen belebter Körper haben also entweder 
in der Materie, nämlich in dem beweglich Ausgedehnten, oder 
in Vorstellungen ihren Grund. In einer empirischen Natur¬ 
lehre der Tiere müssen wir die Erscheinungen, die wir beob¬ 
achten, von denjenigen Dingen ableiten, mit welchen sie nach 
der Erfahrung in Verbindung stehen. Tierische Erscheinungen 
also, die ohne Vorstellungen wirklich sind, oder mit Vor¬ 
stellungen in keiner Verbindung stehen, können nicht in Vor¬ 
stellungen gegründet sein. Vorstellungen sind nicht wirklich, 
ohne eine gleichzeitige Bewegung des Gehirns, können ohne 
Gehirn und ohne eine bestimmte Ausbildung des Gehirns und 
der Sinnorgane nicht stattfinden. Vorstellungen können also 
nicht der Grund tierischer Erscheinungen sein, ehe Sinnorgane 
wirken, ehe ein Gehirn da ist, oder wenn das Gehirn verletzt 
und zerstört ist. Vorstellungen wirken nur auf das Gehirn; 
und ihre Veränderungen, die sie in andern Teilen des Körpers 
erregen, sind Fortsetzungen der Tätigkeit des Gehirns. Die 
meisten tierischen Erscheinungen, alle bloß tierische Erschei¬ 
nungen, alle Erscheinungen, die vor der Ausbildung des Ge¬ 
hirns, vor der Wirkung der Sinne, bei Tieren, deren Gehirn 
verletzt ist, oder die kein Gehirn haben, bei Mißgeburten ohne 
Kopf, im Schlaf, wenn keine Vorstellungen vorhanden sind, usw. 
stattfinden, müssen also allein in dem Räumlichen, in der 
Materie, gegründet sein. Nie muß der empirische [11] Physio¬ 
loge tierische Erscheinungen von Vorstellungen ableiten, wenn 
keine da sind, oder wenn sie mit den beobachteten Erschei¬ 
nungen keine erfahrungsmäßige Gemeinschaft haben. Von einer 
Seele, als einer übersinnlichen unerwiesenen Substanz, darf er 
gar keine tierische Erscheinungen ableiten, weil er sonst aus 
einem hypothetischen Prinzip erklären würde. Wir sind sehr
        

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