Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ueber angeblich saure Reaction des Muskelfleisches (Monatsberichte der Königlich-Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, 1859, S. 288)
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29148/5/
Beaction des Muskelfleisches. 
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Mit Hülfe dieses Prüfungsmittels fand ich hei einer Gelegenheit, die 
hier nichts zur Sache thut, dass der künstliche Querschnitt eines Frosch- 
muskels bei fortgesetzter Berührung die Substanz eines anderen Frosch¬ 
muskels chemisch angriff. Die natürlichen Flächen des Muskels wie auch 
der durch Zerreissen des Muskels in der Richtung seiner Fasern darge¬ 
stellte künstliche Längsschnitt thaten es nicht. Ich sah mich also zu dem 
Schlüsse getrieben, dass entweder in den Muskelbündeln eine Flüssigkeit 
enthalten sei, die den Inhalt der Muskelbündel angreife, was widersinnig 
ist oder, dass sich am künstlichen Querschnitt im Laufe der Zeit eine 
solche Flüssigkeit bilde. Es gelang sofort, letztere Ansicht durch den Ver¬ 
such zu bestätigen. Dazu war nur nötbig, die ätzende Wirksamkeit eines 
frischen und eines schon seit einiger Zeit hergestellten Querschnittes mit¬ 
einander zu vergleichen. Der ältere Querschnitt zeigte sich viel stärker 
ätzend als der frische. Die Bildung einer ätzenden Flüssigkeit am künst¬ 
lichen Querschnitt war somit erwiesen, und von hier aus ward es mir 
nicht schwer, den wahren Zusammenhang der Dingé und den Grund des 
Widerspruchs zh durchschauen, der so lange für mich zwischen jenen 
früheren Versuchen, in denen frische Froschmuskelquerschnitte mir neu¬ 
trale Reaction gaben, und der Lehre der Chemiker von der sauren Natur 
der Fleischflüssigkeit, geherrscht hatte. 
Ich überlegte mir, dass die Chemiker unter frischem Fleische gewöhn¬ 
lich wohl nur solches verstehen, welches noch gut zu essen ist. Dies ist 
aber nicht frisches Fleisch im Sinne der Physiologen. Die Physiologen 
nennen frisches Fleisch solches, welches nach dem Tode, oder nach der 
Trennung vom lebenden [293] Thiere noch im Besitze seiner Lebens¬ 
eigenschaften verharrt, d. h. welches noch zuckungsfähig ist, und elektro¬ 
motorisch wirkt nach dem von mir aufgestellten Gesetze. Man könnte 
diesen Zustand der Muskeln nach dem Vorbilde eines von Hm. Floubens 
gebrauchten Ausdrucks der französischen Rechtspraxis den des Ueber- 
lebens {l’état de survie) nennen. Nur Fische und Frösche, und in einigen 
Gegenden Dentschlands die Hühner tragen ihre Muskeln im Zustande 
des Ueberlebens in den Kochtopf, Krebse bekanntlich sogar im Zustande 
des Lebens selber. Das Fleisch anderer Thiere muss, um für uns 
geniessbar zu sein, erst eine Reihe von Veränderungen durchlaufen 
haben, die sich nach dem Tode freiwillig daran einstellen. Es muss 
aus dem Zustande des Ueberlebens in den der Todtenstarre übergegangen 
sein, wo es nicht mehr zuckungsfähig ist und seine elektromotorische 
Wirksamkeit eingebüsst hat. Aus dem Zustande der Todtenstarre muss 
es sodann, durch deren Lösung, in den der beginnenden Fäulniss über¬ 
getreten sein. Wir essen für gewöhnlich Fleisch im Zustande der gelös¬ 
ten Todtenstarre, der beginnenden Fäulniss. In der Küche heisst dies
        

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