Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Beiträge zur wissenschaftlichen Botanik, Drittes Heft
Person:
Nägeli, Carl Wilhelm Simon Schwendener
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28711/145/
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Vegetationsvermögen. Bei den einen bleibt der Prötothallus sebr klein lind wird 
von der einmal gebildeten Thallusanlage sehr bald überwuchert, während die letz¬ 
tere sich unbegrenzt in die Fläche ausdehnt. Bei den andern gestaltet sich das 
Verhältnis umgekehrt: der Thallus hat ein sehr begrenztes oder sehr langsames 
Wachsthum, der Protothallus wuchert dagegen üppig fort, um von Zeit zu Zeit 
neue Thallusanlagen zu erzeugen. Obschon ich diese Grössenverhältnisse bis 
jetzt nur in ihren Extremen kennen gelernt habe, so zweifle ich doch nicht, dass 
es unter den Krustenflechten auch solche gibt, bei welchen der Protothallus ein 
weit ausgebreitetes Fasergeflecht bildet, dem mehrere Thallusanlagen entsprossen, 
bei welchen aber auch die letzteren ein unbegrenztes oder doch länger andauern¬ 
des Marginalwachsthum besitzen und eine beträchtliche Grösse erreichen. Nur 
dürften in diesem Falle die protothallinischen Fasern in der Regel schwer nach¬ 
zuweisen sein, da gewöhnlich auch ein starker hypothallinischer Filz zur Ent¬ 
wicklung kommt, der in den systematischen Werken irrthümlich als Protothallus 
beschrieben wird und den wirklichen Protothallus nicht mehr erkennen lässt. 
Mit dieser Auffassung des Verhältnisses zwischen Thallus und Protothallus 
stimmt denn auch die Thatsache überein, dass bei übrigens nah verwandten 
Flechten, ja wahrscheinlich sogar unter den Arten der nämlichen Gattung, die 
einen (z. B. Lecothecium, Pannaria Schaereri ?) einen augenfälligen Proto¬ 
thallus besitzen, während er den andern (Pterygium, Pannaria plumbea) 
fehlt. Es wäre diess kaum zu erwarten, wenn es sich dabei um principielle 
Differenzen in der Entwicklungsweise handeln würde. 
Der Protothallus ist stets gonidienios, er erzeugt die Gonidien nur zum Be- 
hufe der Thallusbildung. Da nun die grünen Zellen wie bei den höheren Pflanzen, 
so wahrscheinlich auch bei den Flechten die einzigen sind, welche assimiliren, so 
ist nicht anzunehmen, dass im Protothallus Assimilation stattlinde. Derselbe ist 
vielmehr darauf angewiesen, die zu seiner Entwicklung erforderlichen Säfte zu¬ 
nächst aus der Spore und später aus den mittlerweile gebildeten Thallusanlageu 
zu beziehen. 
Dass der Protothallus je Apothecien bilde , bezweifle ich sehr. In den mir 
bis jetzt bekannt gewordenen Fällen, namentlich bei Lecothecium, ist diess 
entschieden nicht der Fall. 
2. Die hypothaUinischen Anhangsgebilde. In der Mehrzahl der Fälle 
wird der Hypothallus oder angebliche Protothallus von den aus der Lagerunter¬ 
fläche hervorsprossenden Fasern gebildet und ist daher als ein blosses Beklei¬ 
dungsorgan, als ein Triehomgebilde im Gegensatz zum Thallom zu betrachten. 
Wenn er bei Pannaria plumbea u. a. unter dem Thallusrande hervorsteht, so 
beweist das bloss seine üppige Vegetation; die jüngsten Fasern erscheinen auch 
hier als kleine Ausstülpungen der Rindenzellen oder als wenigzellige Faserfort¬ 
sätze, die ältern lassen sich häufig von den lebhaft vegetirenden Enden bis zu 
der der Lagerunterseite aufsitzenden Basis verfolgen. 
Die Anhangsorgane der Lagerunterseite bilden übrigens nicht immer einen 
Hypothallus im Sinne der neueren Autoren ; sie erscheinen zuweilen auch nur 
als ein schwacher Filzüberzug oder bilden isolirte Faserbündel, die oft weit
        

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