Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Beiträge zur wissenschaftlichen Botanik, Zweites Heft
Person:
Nägeli, Carl Wilhelm Simon Schwendener
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28709/25/
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Organ seine Richtung und verändert diese Richtung, giebt also Veranlassung zu 
Bewegungen der Organe. Krümmung und Streckung, Zusammenfaltung oder 
Einrollung und Ausbreitung, Drehung und Aufdrehung gehören hieher. Das 
Blatt der Earren und Cycadeen ist in der Jugend schneckenförmig eingerollt; es 
streckt sich später zur geraden Richtung. Sehr viele Blätter sind im jungen Zu¬ 
stande (innerhalb der Knospe) zusammengefaltet und zusammengerollt, sie breiten 
sich nachher flach aus. Die Ranken von kürbissartigen und andern Gewächsen, 
wodurch sie sich an fremde Gegenstände anklammern, sind zuerst gerade; sie 
krümmen sich dann und rollen sich schneckenförmig ein ; nachher strecken sie 
sich und werden zuletzt schraubenförmig. Die Stengel sind zuerst ungedreht, 
nachher meistens gedreht; bei unsern Bäumen tritt diese Drehung erst im 
Alter ein. 
Die eben genannten Gestaltsveränderungen geschehen immer so langsam, 
dass sie nicht direkt gesehen werden können. Sie erfolgen durch ungleiches 
Wachsthum, indem die Vermehrung oder die Ausdehnung der Zellen an ge¬ 
wissen Stellen stärker oder schwächer ist, als an andern. Ein Organ, das auf 
einer Seite stärker in die Länge wächst als auf der andern, krümmt sich ; ein 
gekrümmtes wird auf gleiche Weise wieder gerade. Ein flächenförmiges Organ, 
welches in der mit dem Rande parallelen Richtung stärker in die Fläche wächst 
als in der zum Rande rechtwinkligen, legt sich längs des Randes in Falten, wie 
das der Krauskohl thut. Wenn es stellenweise im Innern stärker in die Fläche 
wächst als in den übrigen Theilen, so wirft es Blasen, die auf der einen Seite als 
Vertiefungen, auf der andern als Erhabenheiten erscheinen. Diejenigen meiner 
Zuhörerinnen, welche sich selber etwas für das Anfertigen der Kleider interes- 
siren, wissen recht wohl, wie eine Falte, eine Krümmung, eine glatte Fläche 
gemacht wird. Die Natur bedient sich der nämlichen mechanischen Regeln wie 
der Kleiderkünstler ; aber sie macht ihre Arbeit gewöhnlich noch etwas besser ; 
statt einzelner grösser, setzt sie zahllose kleine-Läppchen ein. 
Ein cylinclrisches Organ, das am Umfange stärker in die Länge wächst als 
in der Mittellinie, dreht sich um seine Achse. Ein bandförmiger Theil wird unter 
gleichen Umständen zur Wendeltreppe. Ein Stengel oder eine Ranke, die auf 
der einen Seite in bestimmten Verhältnissen stärker sich verlängert als auf der 
andern, wird schraubenzieherförmig oder »windet« sich. Es kommt aber dabei 
wohl immer noch eine Drehungsursache in den einzelnen Zellen hinzu. 
Drehende und windende Organe können sich nach zwei Seiten kehren, 
rechts oder links. Es giebt Rechts- und Linksdrehung, Rechts- und Linkswin¬ 
dung. Ich muss, ehe ich einige Beispiele anführe, zuerst eine Bemerkung über 
in Länge und Breite werden dadurch hervorgebracht, dass m und n sehr ungleiche Werthe 
annehmen können, wie das für das erste Beispiel angegeben wurde. Der gleiche oder ein ähn¬ 
licher Bau (einfache Zellenreihe lind einfache Zellschicht) kann noch durch andere Combina- 
tionen der Zellenbildung hervorgebracht werden. Organe von complizirterer Zusammensetzung 
wachsen durch andere und zahlreicher combinirte Zellenbildungsprocesse. Ich hoffe nächstens 
eine Uebersicht meiner bis jetzt auf diesem Gebiete gewonnenen Thatsachen geben zu können. 
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