Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Akademische Ansprache. Antwort auf die in der Leibniz-Sitzung der Akademie der Wissenschaften am 30. Juni 1887 gehaltene Anrittsrede des Hrn. Klein
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28684/3/
An Hrn. Klein. 
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hörte, hatte Eilhard Mitscherlich in dieser Richtung 
einen der glücklichsten Schritte getan, und indem er 
durch die Isomorphie substantiell verschiedener, analog 
zusammengesetzter Verbindungen Haüy’s Grundidee um¬ 
stieß, das Fundament zu einem neuen Bau gelegt. Stufe 
um Stufe wurde seitdem erklommen. Wir sehen schon 
jni Geiste die Strukturchemie der Kristallographie die 
Hand reichen; wir sehen die Atome mit ihren gezählten 
Wertigkeiten Räume bestimmter Gestalt ausfüllen, und 
die Werkstücke zum Baue des Kristalles liefern; wir 
verstehen die Allotropie der Grundstoffe; und wenn wir 
auch nur ahnen, was Haüy schon zu wissen glaubte, ist 
denn nicht Ahnung der Wahrheit mehr wert, als irrende 
Überzeugung? Die Farben rasch gekühlter oder ge¬ 
preßter Gläser, die magnetische Zirkumpolarisation lie¬ 
ferten weitere Fingerzeige. Nach so vielen Errungen¬ 
schaften scheint die Zeit nicht fern, wo auf dem Grunde 
der fast vollendeten beschreibenden Kristallographie eine 
physische und chemische Kristallologie, gleichsam eine 
Physiologie des Kristalles, als zusammenhängende Theorie 
sich wird erheben können. 
Und weit über das anorganische Gebiet hinauszu¬ 
wirken scheint diese Lehre der Zukunft berufen. Zwar 
sind Lebewesen und Kristalle miteinander inkommen¬ 
surabel, und Schwann’s Theorie der Zellenbildung, als 
einer Kristallisation imbibitionsfähiger Substanz, war 
grundsätzlich verfehlt, denn in den Kristallen herrscht 
stabiles, in den Lebewesen dynamisches Gleichgewicht 
des Stoffes. Der von Hermann Jordan beobachtete 
Wiederersatz verstümmelter Kristalle ist wohl auch ohne 
Naturheilkraft erklärbar. Die Kieselgerüste der Schwämme, 
in denen man beim ersten Anblick kristallinische Bil¬ 
dungen vermutet, haben nach Hrn. Schulze so wenig 
damit gemein, wie die mikroskopischen Schiffsanker in 
der Haut der Synapten, die sonderbaren Kalkrädchen 
der Chirodoten. Aber in der von Boeck und Carl 
vun Erlach erkannten Doppelbrechung tierischer und 
pflanzlicher Gewebe enthüllt sich doch etwas dem Kri¬ 
stall Verwandtes, ja bis in die tiefsten Tiefen organischen 
flaues sieht man Kristallographie reichen, wenn nach 
Arücke die Disdiaklasten der Muskelfaser sich wie ein-
        

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