Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Gedächtnisrede auf Hermann von Helmholtz. Gehalten in der Leibniz-Sitzung der Akademie der Wissenschaften am 4. Juli 1895
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28661/13/
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Hermann von Helmholtz, 
gegeben die kürzesten Zeiträume mit vollendeter Ge¬ 
nauigkeit durch den Ausschlag zu messen, welchen ein 
elektrischer Stromstoß einer Galvanometernadel erteilt 
unter der Voraussetzung, daß dessen Dauer gegen die 
Schwingungsdauer der Nadel verschwindet, und daß man 
Anfang und Ende des Zeitraumes mit denen des Strom¬ 
stoßes zusammenfallen lassen kann. Hier nun gab es 
wiederum ein Problem von höchstem Interesse zu lösen. 
Zwischen dem Augenblicke der Reizung eines Nerven 
und dem der Zuckung des zugehörigen Muskels, ja der 
durch Reflex übertragenen Zuckung, kann die gespannteste 
Aufmerksamkeit keinen Unterschied wahrnehmen. Doch 
muß ein solcher vorhanden sein, und es fehlte auch in 
früherer Zeit nicht ganz an Versuchen, dessen Dauer, 
oder, was auf dasselbe hinausläuft, die Fortpflanzungs¬ 
geschwindigkeit der Reizung im Nerven zu schätzen. Die 
Iatromathematiker von Montpellier glaubten, daß diese 
Geschwindigkeit zu der des Blutes in der Aorta sich so 
verhalten müsse, wie der Querschnitt der Aorta zu dem 
einer Nervenfaser, wonach sie über sechshundertmal 
größer sein sollte als die des Lichtes. Haller legte die 
Anzahl der Schwingungen der Zunge beim Aussprechen 
des Buchstaben R zugrunde, und gelangte durch eine 
Reihe von Schlüssen, deren jeder ein handgreiflicher 
Fehlschluß war, merkwürdigerweise zu einem Ergebnis, 
welches der Wirklichkeit, wie wir sie jetzt kennen, ziem¬ 
lich nahe steht. Johannes Müller durchschaute natür¬ 
lich die kindische Unvollkommenheit dieser Bemühungen, 
er schrieb aber wegen der Unmöglichkeit, mit bloßem 
Auge einen Zeitunterschied zwischen Reizung und Zuckung 
wahrzunehmen, dem Nervenprinzip wieder eine Geschwin¬ 
digkeit von gleicher Ordnung mit der des Lichtes oder 
der Elektrizität zu, und hielt daher, wegen der Kürze 
der Nervenbahnen in einem Tiere, deren experimentelle 
Bestimmung für unausführbar. Das war die Lage der 
Dinge, als Helmholtz sich ihrer mit jener unbegreiflichen 
Biegsamkeit des Talentes bemächtigte, vermöge welcher 
er sich an einem winzigen Froschpräparat, wo es sich 
um Tausendstel von Sekunden handelt, so vollkommen 
zu Hause fand, wie in den Welt- und Zeiträumen des 
Planetensystemes. Vor allen Dingen vervollkommnete er
        

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