Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über Neo-Vitalismus. Zur Feier der Leibniz-Sitzung der Akademie der Wissenschaften am 28. Juni 1894 gehaltene Rede
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28660/5/
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Über Neo-Vitalismus. 
enthüllt, so daß sie dem Wunderbau der Sinnes- Un(j 
Bewegungswerkzeuge, des Atmungs- und Verdauungs. 
apparates, mit einem Worte, der Organisation, gewachsen 
war. Sie kannte das Brechungsgesetz vor Snell, den 
Luftdruck vor Torricelli, den elektrischen-Schlag vor 
Kleist und Musschenbroek, die Vierwertigkeit des Kohlen¬ 
stoffes vor Kekulé, die Obertöne vor Helmholtz. Sie 
schuf alle Tierspezies nach einem unendlich umfang¬ 
reichen, auf das Feinste gegliederten Plane, so zwar daß 
in allen Tieren derselben Art die Lebenskräfte im Ein¬ 
verständnis handeln, in denen verschiedener Art ihre 
Wirkungen nie sich verwirren. Trotz der STAHL’schen 
Seele besorgt sie alle Entwickelung, als Naturheilkraft 
alle nötigen und möglichen Ausbesserungen des kranken 
oder verstümmelten Körpers. Einen bestimmten Sitz 
im Körper hat sie nicht, sie ist überall zugegen, und 
wirkt auf keinen bestimmten Punkt. Sie bemächtigt sich 
der eingeführten Nahrungsmittel, belebt die belebungs¬ 
fähige Materie, die dadurch selber Sitz von Lebenskraft 
wird, und stößt die Materie wieder von sich, welche auf¬ 
gehört hat, für Lebenszwecke tauglich zu sein, denn die 
Belebbarkeit der Materie ist begrenzt. Wozu dieser Stoff¬ 
wechsel diene, bleibt unerklärt. Wie dem auch sei, im 
Weizenkorn aus der Mumienhand wie im vertrockneten 
Rädertier, im Scheintod wie in der Narkose ist die 
Lebenskraft latent; im Tode verschwindet sie spurlos, 
den physisch-chemischen Kräften das Feld räumend, da 
dann der Graus der Fäulnis Platz greift, dem während 
des Lebens nur sie wehrte. Bei der Zeugung aber, was 
das Merkwürdigste ist, geht sie über auf den Keim des 
neuen Geschöpfes, ohne daß die Erzeuger etwas davon 
einbüßen, und da die Abkömmlinge eine ins Unendliche 
divergierende Reihe bilden, ist sie also ohne Schwächung 
in unendlich viele gleichwertige Teile teilbar. 
Zu den gewöhnlich aufgezählten Unterschieden 
zwischen der organischen und der anorganischen Natur 
fügte Müller noch einen seiner Meinung nach grund¬ 
legenden hinzu in der Bemerkung, daß in der anorga¬ 
nischen Natur ein Körper dem anderen Bewegung n11*-' 
teile — mechanische Einwirkung —, oder zwei Körper 
ihre Qualitäten in einem Produkt zu einer dritten ver
        

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