Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Naturwissenschaft und bildende Kunst. Zur Feier der Leibniz-Sitzung der Akademie der Wissenschaften zu Berlin am 3. Juli 1890 gehaltene Rede
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28658/5/
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Naturwissenschaft und bildende Kunst. 
seines natürlichen Könnens fortzuheben, noch im grollen 
ganzen einer sinkenden Kunstperiode ein besseres Los 
zu bereiten. Was fruchtet das nun schon geraume Zeit 
die Kunstwelt spaltende Gerede über Idealismus und 
Naturalismus? Hat es uns vor den oft schwer zu er¬ 
tragenden Ausschreitungen des letzteren bewahrt? Sucht 
nach Neuem, dreistes Aufstecken einer Fahne, welcher 
der unmündige Haufen blindlings folgt, tragen den Sieg 
davon, bis das Abgelebte irgendwie durch Frisches ab¬ 
gelöst wird, oder bis einer Erscheinung von gebietender 
Hoheit die Herrschaft unweigerlich zufällt. 
Noch weniger kann die strengere Wissenschaft der 
Kunst aufhelfen, und so einander innerlich fremd, ohne 
einander wesentlich zu beeinflussen, gehen beide ihren 
eigenen Weg, jene bald etwas schneller, bald etwas lang¬ 
samer stetig aufsteigend, diese in erhabenen Wogen auf- 
und abschwankend. Eine von beiden, die Kunst allein, 
zum Merkmal höchster Entfaltung menschlicher Geistes¬ 
kraft stempeln zu wollen, wie es von den der Wissen¬ 
schaft ferner Stehenden nicht selten geschieht, ist zweifel¬ 
los ein Irrtum; aber freilich leuchtet der Menschengeist 
am hellsten, wo Glanz der Kunst mit Glanz der Wissen¬ 
schaft sich eint. 
Übrigens findet hier ähnliches statt wie in der prak¬ 
tischen Ethik. Je tiefer gesunken die Sitten einer Zeit, 
eines Volkes sind, um so mehr bekanntlich wird von 
Tugend geredet. Je mehr naturwüchsige Schöpfungskraft 
versagt und versiegt, um so höher schwillt die Flut 
ästhetischer Theorien. Hermann Lotze’s ‘Geschichte der 
Ästhetik in Deutschland’4 bietet ein ermüdendes und ent¬ 
mutigendes Bild solcher langen und fruchtlosen Be¬ 
mühungen. Die Philosophen aller Schulen haben sich 
in abstrakten Formeln überboten, um begrifflich festzu¬ 
stellen, was Schönheit sei. Sie sei die Einheit in der 
Mannigfaltigkeit, oder die Zweckmäßigkeit ohne Zweck, 
oder die unbewußte Vernunftmäßigkeit, oder das Absolute 
in sinnlicher Existenz, oder die genossene Harmonie des 
absoluten Geistes, und dergleichen mehr. Aber zwischen 
diesen allem Schönen zugeschriebenen, angeblich sein 
Wesen ausmachenden Eigenschaften, und der Empfindung
        

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