Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Naturwissenschaft und bildende Kunst. Zur Feier der Leibniz-Sitzung der Akademie der Wissenschaften zu Berlin am 3. Juli 1890 gehaltene Rede
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28658/24/
Naturwissenschaft und bildende Kunst. 
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Allein der angesehenste englische Kunstschriftsteller 
unserer Tage, der einen gesetzgeberischen Ton anstimmt 
wie kein Lessing, und der in seinem Vaterlande wie ein 
Lessing Verehrung und Ruhm genießt, Mr. John Ruskin, 
untersagt in seinen an der Kunstschule zu Oxford ge¬ 
haltenen Vorlesungen ‘über das Verhältnis der Natur¬ 
wissenschaft zur Kunst’ seinen Schülern ausdrücklich die 
Beschäftigung mit der Anatomie. Gleich in der Vor¬ 
rede beklagt er den verderblichen Einfluß, den die Ana¬ 
tomie auf Mantegna und Dürer geübt habe, im Gegen¬ 
satz zu Botticelli und Holbein, die sich davon frei ge¬ 
halten hätten. „Das Studium der Anatomie,“ sagt er 
später wörtlich, „ist zerstörend für die Kunst, es ist nicht 
bloß hindernd, sondern auch entwürdigend“; es führe 
dazu, daß der Maler, wie es Dürer ergangen sei, im 
Gesichte nur noch den Schädel sehe und abbilde. Der 
Künstler „soll sich von Tieren jede mögliche Vorstellung 
bilden, nur eine nicht, die des Fleischers. Nie darf er 
an sie als aus Knochen und Fleisch bestehend denken.“35 
Es wäre Vergeudung von Zeit und Mühe, ausführ¬ 
lich solche Irrlehre zurückweisen und darlegen zu wollen, 
eine wie unentbehrliche Stütze der Künstler überall in 
der Anatomie findet, ohne welche er wie im Nebel tappt. 
Es ist ganz schön, sich auf sein Auge zu verlassen, aber 
doch noch besser begriffen zu haben, beispielsweise worin 
das weibliche Skelett vom männlichen sich unterscheidet; 
weshalb bei gestrecktem Beine die Kniescheibe der Rich¬ 
tung des Fußes folgt, bei gebeugtem Beine nicht; wes¬ 
halb bei supinierter Hand die Seitenansicht des Ober¬ 
armes eine verschiedene wird von der in der Pronation; 
weshalb die Falten und Runzeln der Gesichtshaut wegen 
der darunterliegenden Muskeln gerade so und nicht 
anders verlaufen. Der CAMPER’sche Gesichtswinkel, wenn 
auch für höhere Zwecke durch Hrn. Virchow’s Sattel¬ 
winkel entthront, eröffnet doch eine Fülle von Einsichten. 
Wie ohne Kenntnis des Schädels eine Stirn richtig model¬ 
liert, eine Stirnbildung wie die des Jupiters von Otricoli 
oder des Hermes verstanden werden könne, ist unfaßbar. 
Natürlich kann mit phantastischer Hervorhebung anato¬ 
mischer Formen Mißbrauch getrieben werden, wie dies 
bei Michelangelo’s Nachfolgern vielfach bemerkt wird;
        

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