Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Adelbert von Chamisso als Naturforscher. In der Leibniz-Sitzung der Akademie der Wissenschaften zu Berlin am 28. Juni 1888 gehaltene Rede
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28657/30/
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Adelbert von Chamisso als Naturforscher. 
wo die zum malayischen Sprachstamm gehörige Sprache 
der Tagalen schon schriftlich festgestellt war, setzte er 
diese Studien fort, und brachte in kurzer Zeit eine taga- 
lische Bibliothek zusammen, die er für eine seiner wert¬ 
vollsten Erwerbungen hielt. Als in der Nacht vom 3. 
zum 4. Juli 1822 eine Feuersbrunst das von ihm in Neu- 
Schöneberg bewohnte Haus zerstörte, war nach dem 
Leben der Seinigen diese tagalische Bibliothek das Erste 
was er zu retten suchte, und er eilte, sie vor ähnlichen 
Gefahren zu sichern, indem er sie der Königlichen Bib¬ 
liothek schenkte. Im Einklang mit seiner Überzeugung 
von der Einheit des Menschengeschlechtes glaubte er 
übrigens auch in der Sprachwissenschaft an einen ein¬ 
heitlichen Ursprung aller Sprachen; in auffallendem 
Gegensatz, wie mir Hr. Max Müller brieflich bemerkt, 
zu seiner in der Naturwissenschaft das Spezifische so 
stark betonenden Denkweise. 
Eine linguistische Episode, welche Chamisso erzählt, 
hat vielleicht in diesem Augenblick ein gewisses Tages¬ 
interesse. Schon herrschte auf Tahiti die sonderbare 
Sitte, daß bei dem Antritt eines neuen Regenten und 
ähnlichen Gelegenheiten Wörter aus der gemeinen (nicht 
der älteren liturgischen) Sprache gänzlich verbannt und 
durch neue ersetzt wurden. Durch solche willkürlichen 
Veränderungen war es dazu gekommen, daß die Ein- 
gebornen von Tahiti und die von Hawaii einander nicht 
mehr verstanden. Gegen das Jahr 1800 ersann aber 
jener gewaltige Beherrscher der Sandwichinseln, Tameia- 
meia, bei der Geburt eines Sohnes eine ganz neue 
Sprache, und fing an sie einzuführen. Die neuerfundenen 
Wörter waren mit keinen Wurzeln der gangbaren Sprache 
verwandt, selbst die Partikeln wurden dergestalt umge¬ 
schaffen. Es heißt, daß mächtige Häuptlinge, denen diese 
Neuerung mißfiel, das Kind, welches dazu Veranlassung 
gab, mit Gift aus dem Wege räumten. Bei dessen Tode 
wurde dann aufgegeben, was bei seiner Geburt unter¬ 
nommen worden war; die alte Sprache wurde wieder 
angenommen, und die neue vergessen, so daß Chamisso 
nur noch einzelne Brocken davon vorfand. 
Chamisso lernte damals die Sprache von Hawaii zum 
notdürftigen Verständnis innerhalb eines engen Kreises
        

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