Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Friedrich II. in der bildenden Kunst. In der Friedrichs-Sitzung der Akademie der Wissenschaften zu Berlin am 27. Januar 1887 gehaltene Rede
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28656/12/
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Friedrich II. in der bildenden Kunst. 
trotz seinem lebhaften Gefühl für literarische Schönheit 
sich durchaus unempfänglich für Rousseau’s und Diderot’s 
dichterische Neuerungen zeigte. Seine Abneigung gegen 
ihre Theorien oder ihre Persönlichkeit war nicht die 
Ursache, denn er fuhr fort, Voltaire als Schriftsteller zu 
bewundern, lange nachdem er ihn als Menschen ver¬ 
achten gelernt hatte. Die Erklärung schien mir darin 
zu liegen, daß Friedrich, als Schriftsteller in den Kon¬ 
ventionen der gallo-römischen Poesie groß geworden, wie 
sie in seiner Jugend unbestritten herrschte, nicht über 
deren Schranken hinaus konnte. Die drei neuen Ele¬ 
mente, durch welche Rousseau die französische Literatur 
verjüngte: romantisches Naturgefühl, Natürlichkeit der 
Motive, Empfindsamkeit, blieben dem literarischen Jünger 
Voltaire’s fremd, und keine gleich gestimmte Saite wurde 
dadurch bei ihm in Mitschwingung versetzt. Seinem auf 
das Große und Erhabene gerichteten Sinne bedeutete 
Poesie wesentlich immer nur die in prächtigen Alexan¬ 
drinern sich abrollende pathetische Schilderung der Er¬ 
lebnisse, Leidenschaften und Handlungen von Menschen 
auf der Höhe irdischen Daseins. Shakspeare’s Realismus, 
von Goethe im Götz nachgeahmt, erschien ihm als bar¬ 
barischste Rohheit, und in seiner Schätzung wog mancher 
Gedanke der Henriade den ganzen Homer mit seinem 
häßlich flennenden Thersites und seinem sich selber Soh¬ 
len zuschneidenden Sauhirten auf. 
Daß diese Denkweise Friedrich’s in literarischen 
Dingen auch sein Kunsturteil beeinflußte, ist wohl anzu¬ 
nehmen. Auch von der Malerei verlangt er, daß sie dem 
Idealen nachgehe; daß sie, das Natürliche und das Gemeine, 
welches uns im wirklichen Leben ja genug zu schaffen 
macht, hinter sich lassend, den Beschauer in die goldenen 
Wolken der Phantasie entführe. Aus den Mühen und 
Sorgen seines königlichen Berufes sollte ihn die Kunst 
in eine heitere Region reizender und bedeutender Trug¬ 
gebilde versetzen. Was war ihm die uns entzückende 
Naturwahrheit und Naivität in Chodowiecki’s kleinen 
Schöpfungen? Was ging ihn, schwarz auf weiß in diesem 
Format, die kleinbürgerliche Welt mit ihren Leiden und 
Freuden, ihrer Liebe und ihrem Zorn, ihren Abenteuern, 
Narrheiten und Lächerlichkeiten an? Ja man kann mit
        

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