Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zu Diderot's Gedächtnis. In der Leibniz-Sitzung der Akademie der Wissenschaften am 3. Juli 1884 gehaltene Rede
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28654/10/
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Zu Diderot’s Gedächtnis. 
einherschritten, ist er aufgegangen. Wie jedem Refor¬ 
mator hat sich ihm etwas von dem besiegten Irrtum 
angehängt. In der Philosophie kam er nicht hinaus 
über die naivste Teleologie, in der Ästhetik nicht über 
die engen Schranken, welche das von ihm sogenannte 
‘Große Jahrhundert’ sich gezogen hatte. 
Die Enzyklopädisten fanden das Werk getan, daher 
sie mit dem ruchlosen Spott über die dem Christen 
heiligen Dinge, in welchem Voltaire schwelgt, sich so 
wenig befassen, wie mit der Verhöhnung der Cartesischen 
Wirbel. Über den geistigen Trümmern der verflossenen 
Zeit, von welchen Voltaire noch umgeben stand, fingen 
sie an, einen neuen Bau aufzuführen: wie stets eine 
schwierigere Aufgabe, als die des Einreißens. Daraus 
erklärt sich, gegenüber Voltaire’s kristallheller Klarheit 
und unverbrüchlicher Folgerichtigkeit, bei ihnen die Un¬ 
sicherheit und Zerfahrenheit, bis wieder im Systeme de 
la Nature ein einheitlicher, weil einseitiger und äußerster 
Standpunkt rücksichtslos erreicht war. Die Enzyklo¬ 
pädie aber ist gleichsam der babylonische Turm dieses 
Geschlechtes, welcher der Wiederkehr der theologischen 
Flut für immer trotzen sollte; und der Baumeister dieses 
Turmes, der Repräsentant dieser zweiten Phase des fran¬ 
zösischen Geistes im achtzehnten Jahrhundert, ist Dide¬ 
rot. Vom Standpunkt der französischen Literaturge¬ 
schichte sollte dies Jahrhundert nicht Voltaire’s, sondern 
Voltaire’s und Diderot’s Jahrhundert heißen. 
Wie der wirkliche Turm zu Babel im Wüstensande, 
so liegt das Riesenwerk der Enzyklopädie im Staube 
der Bibliotheken verschüttet; nur d’Alembert’s Discours 
préliminaire, von dem ein guter Teil Diderot angehören 
soll, ragt daraus hervor, und wird noch zuweilen von 
einem altgierigen Reisenden, wie man müßte sagen 
dürfen, beispielsweise von unserem Boeckh, der Betrach- 
tung gewürdigt.11 Es geht Diderot einigermaßen, wie 
nach Macaulay dem Dr. Johnson: die Arbeiten, durch 
die er sich unsterblichen Ruhm gesichert glaubte, ge* 
raten täglich mehr in Vergessenheit, während von ihm 
selber für nichts geachtete Kinder seiner Laune ihm be¬ 
wundernden Dank eintragen, wo und so lange Französisch 
gelesen wird.
        

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