Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Humboldt-Denkmäler vor der Berliner Universität. In der Aula der Berliner Universität am 3. August 1883 gehaltene Rektoratsrede
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28653/15/
Die Humboldt-Denkmäler vor der Berliner Universität. 263 
tadelt, so beweist dies doch, daß er Stilist war. Die 
Freude an der selbstgezeugten schönen Form war noch 
öas Glück seines Alters, und warum sollte ich nicht er¬ 
zählen, wie er, eine ähnliche Empfänglichkeit bei mir 
voraussetzend, aus den Korrekturbogen zum‘Kosmos’mir 
gern besonders gelungene Stellen vorlas, wie jene, in welcher 
er sinnreich zusammenfaßt, was alles der Mond unserer 
Erde ist: das Firmament belebend durch seine Wechsel, 
Herzen beseligend mit seinem milden Schein, und in 
geologischen Zeiträumen Kontinente umgestaltend durch 
die nagende Arbeit der Gezeiten.14 
Bedenklicher ist die andere Wirkung, welche der in 
den neunziger Jahren in Deutschland herrschende Geist 
auf Humboldt übte. Über nichts erstaunen Laien mehr, 
als wenn sie hören, daß als Naturforscher Humboldt 
eigentlich nicht auf der letzten Höhe stand, daß es in 
geistiger Hinsicht ihm erging wie am Chimborazo, wo 
schließlich eine unübersteigbare Kluft ihn noch vom Gipfel 
schied. Die Kluft, die ihn vom Gipfel der Naturforschung 
trennte, war der Mangel an physikalisch-mathematischem 
Verständnis. Nicht daß dies seinem Talente versagt war. 
Wie schon bemerkt, nahm er in der Jugend sogar einen 
Anlauf zu rein mathematischer Forschung. Aber das 
Bestreben, und später auch die geistige Gewohnheit 
gingen ihm ab, die Erscheinungen über eine gewisse 
Grenze hinaus zu zergliedern, und sie auf die letzten 
erkennbaren Gründe zurückzuführen. Er ließ sich genug 
sein an Feststellung und Anschauung des Tatsächlichen. 
Die bloße Aufzählung, auch in großen Massen, dessen, 
was so sein Blick umspannte, und was er in den ge¬ 
ringsten Einzelheiten sich gegenwärtig hielt, oder doch 
in jedem Augenblick heranzuziehen wußte, würde er¬ 
müdend sein. Es war eben der Kosmos; nur ist der 
Kosmos kein wissenschaftlicher Begriff in jenem höchsten 
Sinne. Die mathematische Physik kennt keinen Unter¬ 
schied zwischen Kosmos und Chaos;15 durch blinde 
Naturnotwendigkeit, durch die von der Zeit unabhängigen 
Zentralkräfte von Atomen oder sonst eine gleichwertige 
J Hypothese über Konstitution der Materie läßt sie aus 
dem Chaos den Kosmos werden. Der Kosmos als das 
geschmückte und geordnete Weltganze ist ein ästhetischer
        

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