Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Humboldt-Denkmäler vor der Berliner Universität. In der Aula der Berliner Universität am 3. August 1883 gehaltene Rektoratsrede
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28653/10/
258 Die Humboldt-Denkmäler vor der Berliner Universität. 
mit unbedeutendem Gehalt in geschmackloser Form ge. 
tändelt. Da plötzlich, in der zweiten Hälfte des Jahr¬ 
hunderts, erhebt er sich zu so gewaltigem Fluge, daß er 
nicht nur den eingebüßten Rang wieder einnimmt, son¬ 
dern in mancher Gattung dichterischen Schaffens an die 
Spitze der modernen Menschheit sich stellt. Eine Kon¬ 
stellation von Talenten geht auf, wie nicht des Augustus 
oder Ludwig’s XIV. Zeitalter, wie nur auf anderem Ge¬ 
biete das Cinquecento sie sah. Wer beschreibt den Rausch 
der Nation, als unsterbliche Lieder verkündeten, daß der 
Königssohn erschienen sei, dessen Kuß das Dornröschen 
der deutschen Poesie aus halbtausendjährigem Schlummer 
weckte? Zugleich dringen von England herüber das 
neue Naturgefühl und die Empfindsamkeit, von Frank¬ 
reich Aufklärung und schwärmerische Menschenliebe. 
Nun bemächtigt sich der deutschen Gesellschaft ein vor¬ 
wiegend schöngeistiges Interesse. Während aber der für 
zartere Regungen empfängliche Teil der Gebildeten ein 
ästhetisches Traumleben führt, werden strengere Geister 
durch die Betrachtung der Antike gefesselt, oder sie ver¬ 
senken sich in die Tiefen der gleichzeitig gereiften kri¬ 
tischen Philosophie. So war weithin der Sinn der Nation 
der Wirklichkeit entfremdet, und nur noch dem schönen 
Schein und ideellen Wahrheiten zugewandt. 
Hätte dies nur die Folge gehabt, Einzelne von Ver¬ 
such und Beobachtung abzulenken, so wäre der Verlust 
zu ertragen gewesen. Allein bei der Gründlichkeit, wo¬ 
mit der Deutsche alles treibt, ging der Schaden tiefer. 
Die Grenzen der ästhetischen und der wissenschaftlichen 
Forderungen verwischten sich im allgemeinen Bewußt¬ 
sein. Künstlerische Anschauung trat an Stelle von In¬ 
duktion und Deduktion. Die eben erst durch Kant ge¬ 
schaffene Kritik des Erkenntnisvermögens wurde bald 
als beschränkte Schulweisheit beiseite geschoben. Eine 
anmaßende Spekulation glaubte synthetischen Urteilen 
a priori so sehr gewachsen zu sein, daß sie aus einigen 
verwirrten Formeln die Welt zu konstruieren unternahm) 
und mit grenzenlosem Hochmut auf das unscheinbare 
Tagewerk des ‘Empirikers’ herabsah. Mit Einem Wort, 
es kam der Tag jener falschen Naturphilosophie, welche 
der deutschen Wissenschaft ein Vierteljahrhundert lang
        

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