Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Goethe und kein Ende. In der Aula der Berliner Universität am 15. Oktober 1882 gehaltene Rektoratsrede
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28649/9/
Goethe und kein Ende, 
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Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. 
\Vas bedarf der Geisterseher des Glaubens, der da ist 
eine gewisse Zuversicht des, was man nicht siehet? Noch 
schwerer zu begreifen ist, daß Faust, der mit dem per¬ 
sonifizierten bösen Prinzip du und du ist, durch Gretchen 
katechisiert sich weigert, zum Glauben an das personi¬ 
fizierte gute Prinzip sich zu bekennen, und das gute Kind 
ßfit pantheistischen Redensarten abzufinden versucht. An 
Götter glaubt er, wenigstens führt er sie im Munde, nicht 
an Gott. Die im Walpurgisnachtstraum dem Supernatu¬ 
ralisten spottweise in den Mund gelegten Worte: 
Denn von den Teufeln kann ich ja 
Auf gute Geister schließen — 
sind aber doch ganz richtig gedacht. 
Zu soviel logisch Unversöhnbarem gesellt sich nun 
noch die ethische Ungeheuerlichkeit, daß ein um die 
Wahrheit redlich bemühter Mann, welcher für den Dua¬ 
lismus so greifbare Beweise in Händen hat, wie die Er¬ 
scheinung des Erdgeistes und den täglichen Umgang 
mit dem Teufel, so handeln solle, wie Faust. Keine 
halbe Stunde nach seiner Unterhaltung mit dem Erd¬ 
geist legt er Hand an sich, um die Pforten aufzureißen, 
an denen jeder gern vorüberschleicht. Wie unnatürlich 
erscheint diese von ihm eingestandene Vermessenheit, 
auch wenn man ihm gestattet, auf seinem Standpunkte 
noch an der Unsterblichkeit der Seele zu zweifeln; um 
wieviel näher läge der Versuch, nochmals mit jenem 
mächtigen Wesen anzubinden, es durch erneute Beschwö¬ 
rung wieder zu zitieren, und seinen zweiten Besuch besser 
auszunutzen. Der Monolog: 
Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir, alles, 
Worum ich bat. Du hast mir nicht umsonst 
Dein Angesicht im Feuer zugewendet — 
und die Szene in Prosa sind wohl stehengebliebene 
Bruchstücke aus einer Gestalt des Gedichtes, welche 
diese mehr natürliche Wendung nahm. 
Um vollends die Unwahrscheinlichkeit zu ermessen, 
daß Faust, seiner besseren Natur zuwider, ohne das
        

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