Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Goethe und kein Ende. In der Aula der Berliner Universität am 15. Oktober 1882 gehaltene Rektoratsrede
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28649/6/
162 
Goethe und kein Ende. 
Verachte nur Vernunft und Wissenschaft, 
Des Menschen allerhöchste Kraft, 
So hab’ ich dich schon unbedingt! 
Wenn wirklich durch Goethe’s Ratschläge ein paar 
Schwächlinge aufgerichtet würden, böte dies der Ge¬ 
samtheit doch keinen Ersatz auch nur für Eine geistige 
Natur, die dadurch von idealen Zielen abgelenkt worden 
wäre. 
Des Rätsels Lösung ist wohl, daß Goethe, indem 
er immer von neuem jene Mahnung an die Menschen 
richtet, unbewußt die Menschen unter seinem eigenen 
Bilde sich vorstellt, und daß bei ihm jenes von Einigen 
angenommene Gleichgewicht der Kräfte ursprünglich 
keinesweges vorhanden war. Die Tiefe und Zartheit 
seiner Empfindungen, die Stärke seiner Phantasie be¬ 
fähigten ihn von Natur wenig zu rasch entschlossenem 
Handeln. Er mied heftige Eindrücke, und alles Gewalt¬ 
same war ihm zuwider, wie er denn in der Geologie den 
Vulkanismus verabscheute. Sein Umkehren auf dem Gott¬ 
hard, der Wert, den er auf glücklich bestandene sehr 
unbedeutende Abenteuer legt, die vielen liegengebliebe¬ 
nen Arbeiten — Prometheus, Mahomet, Geheimnisse, 
ewiger Jude, Nausikaa, Achilleis, natürliche Töchter —, 
die schleppende Vollendung des Wilhelm Meister, ver¬ 
binden sich nicht eben zu einem Bilde besonderer Tat¬ 
kraft. Er wäre anders vielleicht nicht, neben sonst so 
gewaltigen Gaben, der Lyriker gewesen, dessen aus dem 
Innersten hervorbrechende Naturlaute uns im Innersten 
ergreifen. Zu 'dieser Naturanlage kam noch, um ihn mit 
sich selber unzufrieden zu machen, die in übermäßige 
Subjektivität versunkene Ossian- und Wertherstimmung 
der GoETHE’schen Jugendzeit, Jean-Jacques Rousseau’s 
verführerischer Einfluß mit seiner verdüsterten Welt¬ 
anschauung und lähmenden Selbstquälerei und, durch 
Goethe’s glückliche äußere Verhältnisse getragen, ein 
nach unseren Begriffen müßiges Dasein ohne ge¬ 
regelte Beschäftigung und festen Plan im Frankfurter 
Stillleben. 
Von ethischen Strebungen erfüllt, nach Selbstver¬ 
vollkommnung trachtend, kämpfte er sich bekanntlich 
aus der See eingebildeten Wehs heraus, arbeitete halb
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.