Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Goethe und kein Ende. In der Aula der Berliner Universität am 15. Oktober 1882 gehaltene Rektoratsrede
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28649/5/
Goètiie und kein Ende. 
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Verehrer braucht man ihn nicht in Schutz zu nehmen. 
Die Anderen begreifen nicht, wie ein Mann von so aus¬ 
gesprochener Begabung, nach solchen Anfängen, über 
seinen Beruf im Zweifel sein konnte, und sein Beamten¬ 
spielen erscheint ihnen als eine Versündigung an seinem 
edelsten Selbst. Von keinem anderen großen Schrift¬ 
steller ist bekannt, daß er in einem ähnlichen inneren 
Konflikt sich befunden habe. Vielmehr pflegt der Kampf 
der umgekehrte zu sein: äußere Umstände drängen den 
Jünglingen praktische Tätigkeit auf, unwillig schüttelt ihr 
Genius sie ab. Shakspeare, Molière, Schiller bleiben 
schaffensfreudig bei der Stange; ihre Dichtwerke sind 
ihre Taten. Voltaire, Diderot greifen vielfach ein ins 
wirkliche Leben, aber nicht aus Reflexion, sondern ganz 
natürlich, wo äußerer Anlaß sich bietet und innerer 
Drang sie spornt. Lord Byron freilich sprach auch ver¬ 
ächtlich von seiner literarischen Tätigkeit und holte sich 
den Tod als freischärlender Philhellene. Doch hatte er 
einen übertriebenen Begriff von seiner Würde als eng¬ 
lischer Peer, und wie Trelawny erzählt, trieben ihn nach 
Mesolunghi teils ähnliche Beweggründe, wie Goethe nach 
Italien, — die Gräfin Guiccioli war seine Frau von Stein, 
— teils die geheime Hoffnung, nach Griechenlands Be¬ 
freiung zum BaaiXsvg ausgerufen zu werden.2 Hätte 
Goethe allgemein recht mit seiner Mahnung, so läge ja 
darin ein Vorwurf für alle, die in irgend einer Richtung, 
als Künstler, Forscher, Denker, in der Stille nur auf 
Schöpfungen des Geistes bedacht sind. Ist es überhaupt 
nötig, die Menschen zu einem praktischen und genießen¬ 
den Leben anzuhalten? Auch bei unserer mehr beschau¬ 
lichen Volksart, vollends bei den leichtlebigen Lateinern, 
energischen Angelsachsen ist ja der unermeßlichen Mehr¬ 
zahl Sinn ganz vön selbst auf nichts anderes gerichtet. 
Von nichts anderem erzählen Geschichte und Dichtung, 
nichts anderes wird auf den Brettern vorgeführt, die die 
Welt bedeuten. Warum soll denn auch der verschwin¬ 
dende Bruchteil, welcher gern im Ewigen und Absoluten 
Weüt, in Staub und Getümmel des Marktes gelockt 
"'erden? Legt doch Goethe selber dem Mephisto im 
Selbstgespräch, wo er die Wahrheit redet, den Warnruf 
ln den Mund: 
E- du Bois-Reymond, Reden. II. 
II
        

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