Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Goethe und kein Ende. In der Aula der Berliner Universität am 15. Oktober 1882 gehaltene Rektoratsrede
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28649/19/
Goethe und kein Ende. 
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er der damals durch die sogenannte Naturphilosophie 
schon hinlänglich betörten deutschen Wissenschaft viel¬ 
fach einprägte. Man erinnere sich des argen mit der 
Wirbeltheorie getriebenen Mißbrauches. Weithin ver¬ 
breitet in den Schriften jener Zeit findet man seine un¬ 
verkennbare Manier, seine bedenklichen Maximen, seine 
gereizten Vorurteile. Gerade die Talentvollsten, welche 
Reichtum der Phantasie, Gedankenfülle und allgemeine 
Bildung ihm als Jünger zuführten, unterlagen am leich¬ 
testen diesem Einfluß. Sogar Johannes Müller war bis 
zur gefährlichen Krise, aus der er als objektiver Forscher 
geläutert hervorging, in GoETHE’schen Meinungen so be¬ 
fangen, daß der künftige Erneuerer der experimentellen 
Richtung in der deutschen Physiologie den Versuch gegen¬ 
über dem von Goethe empfohlenen bloßen ‘Schauen’ 
mit den Worten verketzert: „Die Beobachtung schlicht, 
unverdrossen, fleißig, aufrichtig, ohne vorgefaßte Meinung, 
— der Versuch künstlich, ungeduldig, emsig, abspringend, 
leidenschaftlich, unzuverlässig“.13 
Hier liegt der Gegensatz Goethe’s und Voltaire’s 
als Naturforscher, welchen ich bei früherer Gelegenheit14 
schon einmal bezeichnete. Trotz eifrigen und nach¬ 
haltigen Bemühungen um verschiedene Zweige der 
Naturwissenschaft hat Voltaire seinen Namen mit keinem 
Funde verknüpft, und darin also ist ihm Goethe über¬ 
legen. Auch hat übertriebene Zweifelsucht, der natür¬ 
liche Rückschlag gegen den Aberglauben, den er auf 
fast allen Gebieten der Erkenntnis vorfand und auf vielen 
siegreich bekämpfte, Voltaire in seinen theoretischen 
Aufstellungen mannigfach geirrt. Bei alledem bleibt er 
gegen Goethe im Vorteil, sofern er in der Jugend in 
England mit dem wahren Geist der theoretischen Natur¬ 
forschung, dem NEwi'ON’schen Geiste gesättigt, ihn nach 
Frankreich verpflanzte, sein Leben lang für seine Ver¬ 
breitung wirkte, und so die Triumphe anbahnen half, 
welche die französische Naturwissenschaft gegen das Ende 
des vorigen und während der ersten Jahrzehnte dieses 
Jahrhunderts feierte: gerade als die deutsche Wissenschaft 
v«m Taumeltrank der falschen Naturphilosophie bewältigt 
durch Goethe noch tiefer in ihre ästhetischen Träumereien 
eingewiegt wurde, und als er selber gegen Newton in
        

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