Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Goethe und kein Ende. In der Aula der Berliner Universität am 15. Oktober 1882 gehaltene Rektoratsrede
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28649/11/
Goethe und kein Ende. 
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Bis zuletzt, wo die an Philemon und Baucis verübte 
Schandtat ihn nicht mehr aufregt als nötig, bewahrt sich 
Faust diesen glücklichen Leichtsinn, der sonderbar ab¬ 
sticht gegen das Feingefühl, in welchem er sich anfangs 
über die ihm in der Jugend, unter seines Vaters Leitung, 
mißratenen Pestkuren grämt. Der verstockteste Monist 
und Freigeist könnte sich nicht trotziger geberden, als 
im Besitz sicherster Kenntnis vom Jenseits unser Held. 
Wie schließlich die Engel ihn für erlöst und gerettet er¬ 
klären dürfen, als Einen, der immer strebend sich be¬ 
müht habe, bleibt unerfindlich, denn wo in aller Welt 
strebt er denn? Selbst vom Stillen des Wissensdurstes, 
wozu doch Mephisto ihm behilflich sein könnte, ist nur 
noch ganz nebenher die Rede, wie in der Brockenszene: 
Dort strömt die Menge zu dem Bösen; 
Da muß sich manches Rätsel lösen. 
Er versäumt aber auch diese in ihrer Art einzige Ge¬ 
legenheit sich zu unterrichten, und tanzt lieber mit einem 
artigen Hexchen, unbekümmert darum, wie es unterdes 
dem armen Gretchen geht, an welches er erst durch 
ihre gespenstische Erscheinung erinnert werden muß. 
Auffallend nur, daß nicht auch Valentin’s blutiger Schat¬ 
ten ihm entgegentritt. 
In dem allen liegt ein Widerspruch, der, einmal be¬ 
merkt, den Gesamteindruck des Gedichtes stört, wie 
eine lange übersehene Verzeichnung ein Gemälde ver¬ 
leidet. Aber dieser Fehler wurzelt in der Faustsage 
selber, und zwar so tief, daß Goethe, wenn er ihn ge¬ 
wahrte, nur die Wahl hatte, entweder darüber hinweg¬ 
zusehen, oder den Faust ungeschrieben zu lassen. Nicht 
der Dichter also wäre deshalb anzuklagen, sondern der 
Wahnsinn jener Zeit tiefer Erniedrigung der Menschheit, 
des christlichen Mittelalters. Die Faustsage ist der Hexen¬ 
glaube in höherer Sphäre. Ist es nun schon unfaßbar, 
wie das Dogma entstehen konnte, daß triefäugige alte 
Weiber für die Macht, ihrer Nachbaren Vieh zu schaden, 
ihre Seele dem Teufel zu verkaufen pflegen, so gehörte 
vollends die Verfinsterung des Menschengeistes in jener 
Periode dazu, die Vorstellung zu ermöglichen, ein 
Mann von hervorragenden Gaben und tiefem Wissen
        

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