Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die sieben Welträtsel. In der Leibniz-Stiftung der Akademie der Wissenschaften am 8. Juli 1880 gehaltene Rede
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28646/3/
Die sieben Welträtsel. 
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getadelt werden; aber so kommt es, daß bei den Philo¬ 
sophen von der Mitte des vorigen Jahrhunderts an die 
packendsten Probleme der Metaphysik sich nicht unver¬ 
hohlen, wenigstens nicht in einer dem induktiven Natur¬ 
forscher zusagenden Sprache, aufgestellt und erörtert 
finden. Auch das möchte einer der Gründe sein, warum 
die Philosophie so vielfach als gegenstandslos und un¬ 
ersprießlich beiseite geschoben wird, und warum jetzt, 
wo die Naturwissenschaft selber an manchen Punkten 
beim Philosophieren angelangt ist, oft solch ein Mangel 
an Vorbegriffen, solche Unwissenheit im wirklich Ge¬ 
leisteten sich zeigt. 
Denn während von der einen Seite mein Verdienst 
weit überschätzt wurde, rief man von der anderen Ana¬ 
thema über mich, weil ich dem menschlichen Erkenntnis¬ 
vermögen unübersteigliche Grenzen zog. Man konnte 
nicht begreifen, warum nicht das Bewußtsein in derselben 
Art verständlich sein sollte, wie Wärmeentwickelung bei 
chemischer Verbindung, oder Elektrizitätserregung in der 
galvanischen Kette. Schuster verließen ihren Leisten 
und rümpften die Nase über „das fast nach konsistorial- 
rätlicher Demut schmeckende Bekenntnis des ‘Ignora- 
Minus', wodurch das Nichtwissen in Permanenz erklärt 
werde“. Fanatiker dieser Richtung, die es besser wissen 
konnten, denunzierten mich als zur schwarzen Bande 
gehörig, und zeigten aufs neue, wie nah beieinander 
Despotismus und äußerster Radikalismus wohnen.2 Ge¬ 
mäßigtere Köpfe verrieten doch bei dieser Gelegenheit, 
daß es mit ihrer Dialektik schwach bestellt sei. Sie 
glaubten etwas anderes zu sagen als ich, wenn sie 
meinem fIgnorabimus' ein ‘Wir werden wissen’ unter 
der Bedingung entgegensetzten, daß „wir als endliche 
Menschen, die wir sind, uns mit menschlicher Einsicht 
bescheiden“. Oder sie vermochten nicht den Unterschied 
zu erfassen zwischen der Behauptung, die ich widerlegte: 
Bewußtsein kann mechanisch erklärt werden, und der 
Behauptung, die ich nicht bezweifelt, vielmehr durch 
zahlreiche Gründe gestützt hatte: Bewußtsein ist an 
Materielle Vorgänge gebunden. 
Schärfer sah David Friedrich Strauss. Der große 
Kritiker hatte spät die Wandlung durchgemacht, welche 
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