Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die sieben Welträtsel. In der Leibniz-Stiftung der Akademie der Wissenschaften am 8. Juli 1880 gehaltene Rede
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28646/28/
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Die sieben Welträtsel, 
einem gegebenen Augenblick die Bewegungen aller großen 
und kleinen Teile der Materie mit gleicher Geschwindig¬ 
keit in gleicher Richtung umgekehrt, wie die eines zu¬ 
rückgeworfenen Balles, so müßte die Geschichte der 
materiellen Welt sich rückwärts wieder abspielen. Alles, 
was je sich ereignet, trüge sich in umgekehrter Ordnung 
nach gemessener Frist wieder zu, das Huhn würde wieder 
zum Ei, der Baum wüchse rückwärts zum Samen, und 
nach unendlicher Zeit hätte der Kosmos wieder zum 
Chaos sich aufgelöst.46 Welche Empfindungen, Stre¬ 
bungen, Vorstellungen begleiteten nun wohl die ver¬ 
kehrten Bewegungen der Hirnmolekeln? Wären die 
geistigen Zustände nur an Stellungen von Atomen ge¬ 
knüpft, so würden mit denselben Stellungen dieselben 
Zustände wiederkehren, was zu wunderlichen Folgerungen, 
im allgemeinen zu der führt, daß stets einen Augenblick, 
ehe wir etwas beabsichtigten, davon das Gegenteil ge¬ 
schähe. Wir können uns aber die Erwägung der hier 
denkbaren Möglichkeiten sparen. Nicht nur, wie Hr. Bous- 
sinesq ausführt, wegen der sich gabelnden Integrale, 
sondern auch sonst ist die Annahme falsch, daß so die 
Kurbel der Weltmaschine auf ‘Rückwärts’ gestellt werden 
könnte. Unter anderem würde die durch Reibung in 
Wärme umgewandelte Massenbewegung nicht wieder in 
denselben Betrag mit verändertem Vorzeichen gleich¬ 
gerichteter Massenbewegung zurückverwandelt werden. 
Die verkehrte Welt bleibt ein unmögliches mechanisches 
Phantasiestück, aus welchem über Zustandekommen von 
Bewußtsein und über Willensfreiheit nichts sich fol¬ 
gern läßt. 
Mit unserer siebenten Schwierigkeit also steht es so, 
daß sie keine ist, wofern man sich entschließt, die Willens¬ 
freiheit zu leugnen und das subjektive Freiheitsgefühl 
für Täuschung zu erklären, daß aber anderenfalls sie für 
transzendent gelten muß; und es ist dem Monismus nur 
ein schlechter Trost, daß er den Dualismus in das gleiche 
Netz in dem Maß hilfloser verstrickt sieht, wie dieser 
mehr Gewicht auf das Ethische legt. In diesem Sinne 
schrieb ich einst, in der Vorrede zu meinen ‘Unter¬ 
suchungen über tierische Elektrizität’, die Worte, auf 
welche jetzt Strauss gegen mich sich berief:47 „Die ana-
        

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