Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die sieben Welträtsel. In der Leibniz-Stiftung der Akademie der Wissenschaften am 8. Juli 1880 gehaltene Rede
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28646/16/
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Die sieben Welträtsel. 
wachsenem ist sicher eine gewaltige Kluft; sie läßt sich 
aber bis zu einem gewissen Grade durch Übergänge aus¬ 
füllen. Die Entwickelung des geistigen Vermögens in 
der Tierreihe leistet dies objektiv bis zu den anthro¬ 
poiden Affen; um beim Einzelwesen von der einfachen 
Empfindung zu den höheren Stufen geistiger Tätigkeit 
zu gelangen, bedarf die Erkenntnistheorie wahrscheinlich 
nur des Gedächtnisses und des Vermögens der Verall¬ 
gemeinerung.19 Wie groß auch der zwischen den höch¬ 
sten Tieren und den niedrigsten Menschen übrig bleibende 
Sprung und wie schwer die hier zu lösenden Aufgaben 
seien, bei einmal gegebenem Bewußtsein ist deren 
Schwierigkeit ganz anderer Art als die, welche der me¬ 
chanischen Erklärung des Bewußtseins überhaupt ent¬ 
gegensteht: diese und jene sind inkommensurabel. Da¬ 
her bei gelöstem Problem B, um wieder Strauss’ Nota¬ 
tion anzuwenden, das Problem C mir nicht transzendent 
erscheint. Wie Strauss richtig bemerkt, hängt aber das 
Problem C eng zusammen mit einem anderen, welches 
in unserer Reihe als siebentes und letztes auftritt. Dies 
ist die Frage nach der Willensfreiheit. 
Zwar liegt es in der Natur der Dinge, daß alle hier 
aufgezählten Probleme die Menschheit beschäftigt haben, 
so lange sie denkt. Über Konstitution der Materie, Ur¬ 
sprung des Lebens und der Sprache ist jederzeit, bei 
allen Kulturvölkern, gegrübelt worden. Doch waren es 
stets nur wenige erlesene Geister, die bis zu diesen P ragen 
vordrangen, und wenn auch gelegentlich scholastisches 
Gezänk um sie sich erhob, reichte doch der Hader kaum 
über akademische Hallen hinaus. Anders mit der Frage, 
ob der Mensch in seinem Handeln frei, oder durch un¬ 
ausweichlichen Zwang gebunden sei. Jeden berührend, 
scheinbar Jedem zugänglich, innig verflochten mit den 
Grundbedingungen der menschlichen Gesellschaft, auf das 
Tiefste eingreifend in die religiösen Überzeugungen, hat 
diese Frage in der Geistes- und Kulturgeschichte eine 
Rolle unermeßlicher Wichtigkeit gespielt, und in ihrer 
Behandlung spiegeln sich die Entwickelungsstadien des 
Menschengeistes deutlich ab. 
Das klassische Altertum hat sich nicht sehr den 
Kopf über das Problem der Willensfreiheit zerbrochen.
        

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