Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die sieben Welträtsel. In der Leibniz-Stiftung der Akademie der Wissenschaften am 8. Juli 1880 gehaltene Rede
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28646/11/
Die sieben Welträtsel. 
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der Bewegung. Wir sehen Bewegung entstehen und 
vergehen; wir können uns die Materie in Ruhe vor¬ 
stellen; die Bewegung erscheint uns an der Materie als 
etwas Zufälliges, wofür in jedem einzelnen Falle der zu¬ 
reichende Grund angegeben werden muß. Versuchen 
wir daher uns einen Urzustand zu denken, in welchem 
noch keine Ursache auf die Materie eingewirkt hat, so 
daß in bezug auf Bewegung unserem Kausalitätsbedürf¬ 
nis keine weitere Frage übrig bleibt, so kommen wir 
dazu, uns vor unendlicher Zeit die Materie ruhend und 
im unendlichen Raume gleichmäßig verteilt vorzustellen. 
Da ein supernaturalistischer Anstoß in unsere Begriffs¬ 
welt nicht paßt, fehlt es dann am zureichenden Grunde 
für die erste Bewegung. Oder wir stellen uns die 
Materie als von Ewigkeit bewegt vor. Dann verzichten 
wir von vornherein auf Verständnis in diesem Punkte. 
Diese Schwierigkeit erscheint mir transzendent. 
Die dritte Schwierigkeit ist die erste Entstehung 
des Lebens. Ich sagte schon öfter und erst eben wieder, 
daß ich, der hergebrachten Meinung entgegen, keinen 
Grund sehe, diese Schwierigkeit für transzendent zu halten. 
Hat einmal die Materie angefangen sich zu bewegen, so 
können Welten entstehen; unter geeigneten Bedingungen, 
die wir so wenig nachahmen können, wie die, unter 
welchen eine Menge unorganischer Vorgänge stattfinden, 
kann auch der eigentümliche Zustand dynamischen 
Gleichgewichtes der Materie, den wir Leben nennen, ge¬ 
worden sein. Ich wiederhole es und bestehe darauf: 
sollten wir einen supernaturalistischen Akt zulassen, so 
genügte ein einziger solcher Akt, der bewegte Materie 
schüfe; auf alle Fälle brauchen wir nur Einen Schöp¬ 
fungstag. 
Die vierte Schwierigkeit wird dargeboten durch die 
anscheinend absichtsvoll zweckmäßige Einrichtung der 
Natur. Organische Bildungsgesetze können nicht zweck¬ 
mäßig wirken, wenn nicht die Materie zu Anfang zweck¬ 
mäßig geschaffen wurde; so wirkende Gesetze sind also 
mit der mechanischen Naturansicht unverträglich. Aber 
auch diese Schwierigkeit ist nicht unbedingt transzen¬ 
dent. Hr. Darwin zeigte in der natürlichen Zuchtwahl 
eine Möglichkeit, sie zu umgehen, und die innere
        

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