Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Friedrich II. und Jean-Jacques Rousseau. In der Friedrichs-Sitzung der Akademie der Wissenschaften am 30. Januar 1879 gehaltene Rede
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28644/3/
Friedrich II. und Jean-Jacques Rousseau. 
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bekannte armenische Tracht anlegte6 und sich zuerst 
darin ihm vorstellte, rief ihm der Lord den türkischen 
Gruß ‘Salamaleki’ aus dem Bourgeois Gentilhomme zu, 
und alles war gut. Mit der gewohnten Maßlosigkeit 
seiner ersten Bewegungen hing sich Rousseau an den 
Gouverneur. Alle vierzehn Tage ging er auf einen Tag 
zu ihm nach Colombier, und eine verfallene Hütte auf 
dem Wege dahin, in der Schlucht zwischen Tourne und 
Montagne-de-Boudry, nennt das Volk noch heute Refuge 
de Jean-Jacques Rousseau. Der fünfzigjährige Philosoph 
bestand darauf, zu dem siebzigjährigen Jakobiten in eine 
Art von kindlichem Verhältnis zu treten, und der Lord 
war, wie es scheint, gutmütig genug, auf diese Spielerei 
einzugehen, ja so ernst nahm er es mit der ihm zu¬ 
gemuteten Rolle eines Adoptivvaters, daß er durch 
Kodizill Rousseau eine Leibrente aussetzte.7 Ergötzlich 
liest sich in den Confessions die Schilderung der glühen¬ 
den Freundschaft zwischen Rousseau und dem Gouver¬ 
neur, wenn man aus Friedrich’s Antworten auf des 
Lords Berichte nebenher weiß, wie kühl und sach¬ 
gemäß, bei allem Wohlwollen, diese gehalten waren. 
Denn freilich war der Fall zu eigener Art, der 
fliehende Mann, der die Hörner des Altares gefaßt hielt, 
zu bedeutend, um nicht dem König gemeldet zu werden. 
Rousseau selber schrieb Friedrich: „Sire, ich habe viel 
Übles von Ihnen geredet, ich werde es vielleicht noch 
ferner tun. Dennoch, aus Frankreich, Genf, dem Kanton 
Bern verjagt, suche ich Zuflucht in Ihren Staaten. Viel¬ 
leicht war es ein Fehler, daß ich nicht damit anfing; 
dies Lob ist eines derjenigen, deren Sie würdig sind. 
Sire, ich habe von Ihnen keinerlei Gnade verdient, und 
verlange keine, allein ich glaubte Eurer Majestät erklären 
zu sollen, daß ich in Ihrer Macht sei, und darin sein 
wollte; Eure Majestät kann über mich verfügen wie es 
Ihnen beliebt.“8 
Friedrich hatte in jenen Tagen wahrlich an anderes 
zu denken, als an Rousseau’s Sticheleien im Émile, den 
er übrigens erst später las.9 Der Sommer 1762 war der 
letzte des Siebenjährigen Krieges. Gerade jetzt, im Juli 
des Jahres, ging die entscheidende, für Friedrich so er¬ 
schütternde Handlung vor sich, welche den Huberts- 
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