Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Friedrich II. und Jean-Jacques Rousseau. In der Friedrichs-Sitzung der Akademie der Wissenschaften am 30. Januar 1879 gehaltene Rede
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28644/14/
14 Friedrich II. und Jean-Jacqdes Rousseau. 
ehrer des großen Kräuterkenners da drüben bei meiner 
Schwester von Schweden, des Monsieur Linné“ — könnte 
eines Morgens auf der Terrasse von Sanssouci Friedrich 
zu seinem trüben Gaste gesagt haben. Ach! Rousseau 
haßte die Gartenkunst seiner Zeit mit ihren Buchsbaum¬ 
pyramiden und marmornen Najaden. Sein Umgang mit 
den Pflanzen war eigentlich nur eine Art, der Menschen 
zu vergessen, und in freier Einsamkeit, in Begleitung 
seines zärtlich geliebten Hundes,36 spielend sich zu be¬ 
schäftigen. Rousseau’s Neigung für Botanik verleugnete 
nie ihren subjektiven Ursprung aus Madame de Warens 
lieblicher Freude am Wintergrün; wie verschieden von 
Goethe’s strengem Forschen nach der Urpflanze!38 
Nun aber denke man sich, daß Friedrich und 
Rousseau, der Feind der Könige, auf Politik und Staats¬ 
wissenschaft zu sprechen kommen. Um die Unhaltbar¬ 
keit der RoussEAu’schen Lehren aufzudecken, bedurfte es 
keines Friedrich’s. Doch waren wenige so wie Fried¬ 
rich in der Lage, diese Lehren allgemein zu verdammen, 
und zugleich persönlich sich von ihnen herausgefordert 
und abgestoßen zu fühlen. Der Regent und Held, der 
das Regieren und Kriegführen nicht bloß aus Büchern 
kannte, hatte dem theoretischen Staatskünstler gegen¬ 
über etwas von der Empfindung, welche heute prak¬ 
tische Staatsmänner gegenüber Parlamentariern und 
Zeitungsschreibern haben. Mit dem Instinkt des ge¬ 
borenen Herrschers verband Friedrich den geübten Blick 
des in Regierungsgeschäften gereiften Monarchen. Er 
übersah die Menschen und die Triebfedern ihres Tuns, 
ihre tausendfache Eigenart wie ihre gemeinsamen Züge, 
die Leidenschaften der Einzelnen wie die Trägheit der 
Massen, und rechnete mit ihnen in weltgeschichtlichen 
Augenblicken wie mit gegebenen Größen. Die Wechsel¬ 
fälle der Fürstenhäuser und Reiche, die Wandlungen der 
Völker und Verfassungen standen ihm vor Augen wie 
ein lebendiges Gemälde. Die zahllosen einander be¬ 
kämpfenden Rechtsansprüche und Gewohnheiten der 
Vergangenheit, Bedürfnisse und Strebungen der Gegen¬ 
wart, die Verschiedenheiten der Lage, des Himmels¬ 
striches, des Naturreichtums der Länder schwebten ihm 
vor wie ebensoviel Wirklichkeiten, welche seine eigenen
        

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