Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Biographie und Gedächtnisrede
Person:
Du Bois-Reymond, Estelle Julius Rosenthal
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28643/25/
Gedächtnisrede. 
XXXI 
nennen, für glänzende Bilder und geistreiche Antithesen. 
Das trat selbst in der gewöhnlichen Unterhaltung hervor, 
in der er oft durch Wendungen überraschte, von denen 
es zweifelhaft bleiben mußte, ob sie geistreiche Ein¬ 
gebungen des Augenblicks waren oder glücklich ange¬ 
wandte Beispiele seines erstaunlichen Gedächtnisses. 
Und dieser Kelte, in dessen Adern wohl kaum ein 
Tropfen germanischen Blutes rann, der von französischer 
Bildung durchtränkt, französische Literatur und Kultur 
auf das höchste schätzte, war doch ein echter deutscher 
Patriot, der flammende Worte fand, wenn es galt, fremde 
Ungebühr abzuwehren, der deutsches Wesen gegenüber 
fremdem mit liebevoller Sorgfalt psychologisch zu er¬ 
gründen suchte. Das sollte denen zu denken geben, 
welche Rasseneigenschaften einen ungebührlichen Ein¬ 
fluß auf das Denken, Empfinden und Handeln moderner 
Kulturmenschen zuschreiben. Aber seine Liebe zu 
Deutschland hinderte ihn nicht, Schatten zu erkennen 
und Warnungsrufe zu erheben, wo er es für nötig fand. 
Sein Patriotismus war echt, gerade weil er frei blieb von 
Selbstbespiegelung und schmeichelnder Verherrlichung 
der Fehler seines Volkes auf Kosten anderer. 
Jetzt ist der beredte Mund verstummt, der so oft 
große und schöne Worte gesprochen. Mit ihm ist da¬ 
hingegangen der letzte derer, welche um die Mitte des 
19. Jahrhunderts der experimentellen Naturwissenschaft 
neue Bahnen eröffneten. Einsamer und einsamer wurde 
es um ihn, aber noch hielt er sich aufrecht, einem 
knorrigen Eichbaum vergleichbar, der den Stürmen 
trotzt. Nun, da auch er gefallen, wie kurz vor ihm alle, 
die seinem Herzen nahe standen und zu denen wir mit 
bewundernder Ehrfurcht aufsahen, der feinsinnige Brücke, 
der geniale Helmholtz, der erfindungsreiche Siemens 
und so viele andere, beschleicht tiefe Wehmut unsere 
Herzen! Denn ach! wir werden niemals Ihresgleichen 
sehn.
        

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