Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Biographie und Gedächtnisrede
Person:
Du Bois-Reymond, Estelle Julius Rosenthal
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28643/24/
XXX 
Gedächtnisrede. 
größere Lebenserfahrung, vertiefte Studien, umfassendere 
Kenntnis der Literatur, geläuterter Stil den Schriften des 
reiferen Mannesalters verleihen, vermögen nicht das helle 
Licht zu verdunkeln, das von jener Arbeit ausgeht. 
Getragen von dem Bewußtsein, eine große Sache zu 
vertreten, kämpft der Verfasser mit feurigem Schwung 
und glühender Begeisterung für die von ihm erkannte 
Wahrheit gegen die damals trotz vereinzelter Angriffe 
noch unerschüttert herrschende Lehre. Und eben da¬ 
durch erklärt sich auch sein großer und durchschlagen¬ 
der Erfolg. 
Wie Karl der Grosse die Irmensäule stürzte, so 
sank unter den wuchtigen Hammerschlägen der du Bois- 
REYMOND’schen Kritik jener Götze der Lebenskraft und 
eine geläuterte, wissenschaftliche Auffassung konnte ihren 
Einzug halten in den Gedankenkreis der Physiologen. 
Ein glückliches Zusammentreffen günstiger Umstände 
hatte gerade zu rechter Zeit auch in der Entdeckung 
des Gesetzes von der Unveränderlichkeit des Energie¬ 
vorrats die Richtschnur finden lassen, welche in der 
heutigen Physiologie allen Betrachtungen über Lebens¬ 
vorgänge eine Steigkeit verleiht, an der es damals noch 
fehlte.18 Ein zweiter glücklicher Umstand war es, daß 
zu gleicher Zeit durch Virchow der Grund zu einer 
neuen wissenschaftlichen Pathologie gelegt wurde, welche 
auch die Mediziner den neuen Anschauungen zugäng¬ 
licher machte. Darum zweifle ich nicht, daß die neue 
vitalistische Regung, gegen welche auch du Bois-Reymond 
wieder Stellung genommen hat,19 bald wieder ver¬ 
schwunden sein wird. 
Du Bois-Reymond war ein ausgezeichneter Schrift¬ 
steller. Seine Schriften gehören zu dem Besten, was in 
deutscher Prosa geschrieben worden ist. Auch sein 
mündlicher Vortrag war stets sehr gewählt in Ausdrucks¬ 
weise und Satzbau. Letzterer erinnert, wenigstens in den 
Schriften der früheren Jahre, daran, daß Französisch die 
Sprache seines elterlichen Hauses war, daß er an den 
glänzenden Schriftstellern jenes Landes sich ebenso sehr 
gebildet hatte wie an deutschen Mustern. Französisch 
war auch seine Vorliebe für einen gewissen Prunk der 
Sprache, für das, was die Franzosen „des grands mots“
        

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