Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über das Nationalgefühl. In der Sitzung der Akademie der Wissenschaften zur Geburtstagsfeier des Kaisers und Königs am 28. März 1878 gehaltene Rede
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28642/4/
Über das Nationalgefühl. 
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In den Homerischen Gesängen spielt Nationalgefühl 
insofern keine Rolle, als es sich nicht um einen Kampf 
zwischen verschiedenen Nationen handelt. Achäer und 
Troer haben gleiche Sprache, Götter, Sitten, Waffen; 
nur einzelne Spuren eines nationalen Unterschiedes 
kommen vor: die Troer rücken mit Geschrei, die Achäer 
schweigend zur Schlacht an. Der trojanische Krieg ist 
also bei Homer nur eine Fehde stammverwandter Clans. 
Herodot macht ihn zu einem der in den Mederkriegen 
gipfelnden Vorgänge, und es fragt sich, ob hier Homer 
zu trauen sei, denn auch des Aeschylos’ Perser entbehren 
der Lokalfarbe, und Burgunden und Heunen im Nibe¬ 
lungenlied, Perser und Türken bei Firdusi, Carl’s des 
Grossen Paladine und die Mohren bei Ariost, Franken 
und Heiden bei Tasso unterscheiden sich wenig voneinander, 
wie denn Shakspeare’s Griechen, Römer, Italiener be¬ 
kanntlich nur verkleidete Engländer aus Elizabeth’s Zeit 
sind. Antike Bildwerke, wie die Äginetenskulpturen, er¬ 
teilen den Troern asiatische Merkmale. Doch hat die 
neuere Geschichtsforschung Homer Recht gegeben.4 
Den nicht griechisch redenden Völkern aller Rassen, 
besonders den knechtischen Untertanen des Großherrn 
gegenüber, empfand sich der spätere Hellene als höher 
organisierter und ausgebildeter Mensch, und jene sind 
ihm insgesamt zungenlose, stumme Barbaren. Dies 
Nationalgefühl war der treibende Boden, dem die Kriegs¬ 
und Geistestaten des Griechentums entsprangen. Der 
Gedanke, Hellene zu sein, spornte den Jüngling früh zu 
höchster Anspannung aller physischen und geistigen 
Kräfte. Der heutigen Weltanschauung kann das helle¬ 
nische Nationalgefühl engherzig scheinen, um so mehr, 
als es noch weiter zum Stadtgefühl, sozusagen, sich 
zersplitterte und einschrumpfte, ähnlich jenem Munizipal¬ 
patriotismus der italienischen Städte, die im Mittelalter 
auch oft einander bekriegten, und erst in unserer Zeit 
ihre Eifersucht in die Begeisterung für das Eine Italien 
rühmlich aufgehen ließen. Aber wenn wir von Hellas 
sprechen, denken wir vor allem an die Blüte Athens, 
und wie beschränkt auch diese in Raum und Zeit war, 
der Athener Stadtgefühl während dieser Blüte war zu¬ 
gleich allgemein menschliches Gefühl, denn es verschmolz 
E. du Bois-Rkymond, Reden. I. 4 2
        

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