Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Der physiologische Unterricht sonst und jetzt. Bei Eröffnung des neuen physiologischen Instituts der Berliner Universität am 6. November 1877 gehaltene Rede
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28641/19/
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Der physiologische Unterricht sonst und jetzt. 
Physiologie weitere Fortschritte zu ermöglichen. Doch 
tun sie es nicht allein; zur Klinge gehört des Khalifen 
Arm. In der Regel sind es Talente, welche Entdeckungen 
machen, und obschon die Gelegenheit Talente zum Vor¬ 
schein bringt, hängt deren Zufluß doch vom Zufall ab. 
Ohnehin vermehrt die Eröffnung unseres Institutes die 
vorhandene Gelegenheit nur um einen kleinen Bruchteil; 
es wäre schon viel, wenn im Durchschnitt auf jedes be¬ 
stehende Institut gleichzeitig immer Ein Talent käme; 
endlich hemmt auch den physiologischen Nachwuchs 
Überfüllung des Marktes, welche zeitweise die Talente 
in andere Bahnen drängt. Es wäre also nicht unmög¬ 
lich, daß, während aus dem ‘dumpfen Mauerloche’ des 
bisherigen Laboratoriums Schlag auf Schlag Lehrer der 
Physiologie hervorgingen, der neue Prachtbau eine Zeit¬ 
lang vergleichsweise unfruchtbar bliebe. 
Hoffen wir, daß diese Sorge als unbegründet sich 
erweise. Dürfen wir aber solches nur hoffen, so gibt es 
einen anderen Punkt, in welchem wir des Erfolges so 
gut wie sicher sind. Das ist die bessere Ausbildung 
unserer medizinischen Jugend in der Physiologie, wozu 
diese Anstalt die Mittel beut. 
Wenn ich vorher die Physiologie die Königin unter 
den Naturwissenschaften nannte, so geschah es, weil sie 
bis an das letzte Problem führt, weil sie die Wissenschaft 
ist von den näheren Bedingungen des Bewußtseins.19 
Neben der ihr an sich zukommenden Bedeutung hat sie, 
wie ich nicht zu sagen brauche, auch noch die uns hier 
näher angehende, nach der Anatomie die natürliche 
Grundlage und Vorschule der medizinischen Fachstudien 
zu sein. 
Als Grundlage dient sie, indem sie den Arzt das 
Spiel der Maschine kennen lehrt, welche er ausbessern 
soll und deren Formen die Anatomie ihm beschrieb. 
Man sage nicht, daß die Physiologie mit unzähligen 
Kleinigkeiten sich befaßt, die für die Medizin von keiner 
praktischen Wichtigkeit sind. Gleich der Geschichte der 
Industrie zeigt die der Medizin, daß auch die scheinbar 
unbedeutendsten, in rein theoretischem Interesse und 
ganz idealer Absicht gefundenen Tatsachen plötzlich 
eine unermeßliche praktische Tragweite erhalten können.
        

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