Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Der physiologische Unterricht sonst und jetzt. Bei Eröffnung des neuen physiologischen Instituts der Berliner Universität am 6. November 1877 gehaltene Rede
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28641/17/
646 Der physiologische Unterricht sonst und jetzt. 
Bestreben war, alle Seiten der Physiologie gleichmäßig 
zu berücksichtigen, und nur solche räumlich zu bevor¬ 
zugen, für die bei den Studierenden besondere Teil¬ 
nahme zu erwarten und zu wünschen ist, wie Mikro¬ 
skopie und physiologische Chemie. Eine Einrichtung, 
welche unser Institut vor den bisherigen meines Wissens 
voraus haben wird, ist ein mit der mikroskopisch-biolo¬ 
gischen Abteilung verbundenes vollständiges Aquarium 
auch für Seetiere. So hat Berlin ein langes Versäumnis 
endlich gut gemacht, und nachdem es weit zurückblieb, 
mit Einem Sprunge seinen gewohnten Platz in der Vor¬ 
hut wieder eingenommen. 
Unter den Einrichtungen des Institutes hebe ich 
noch, aus besonderen Gründen in diesem Augenblicke, 
das Vivisektorium hervor. Sie wissen, daß im klassischen 
Lande der Fuchshetzen, der Hahnenkämpfe und des 
Taubenschießens, wo doch das Feld für philanthropische 
Tätigkeit noch lange nicht erschöpft sein soll, die höheren 
Schichten der Gesellschaft, plötzlich von empfindsamer 
Philozoie16 ergriffen, bei Parlament und Regierung das 
Verbot oder eine ihm gleichkommende Erschwerung 
der Vivisektionen durchgesetzt haben. Dort ward es 
guter Ton, jeden Physiologen, der ein lebendes Tier zu 
wissenschaftlichen Zwecken verletzt, mit den schwärzesten 
Ungeheuern der Geschichte, Phalaris, Nero, Torquemada 
und Robespierre, auf eine Stufe zu stellen. Es wäre hier 
weder Zeit noch Ort, die Gründe zu wiederholen, mit 
welchen schon von verschiedenen Seiten diese Anklage 
zurückgewiesen wurde. Gewiß kann die Vivisektion mi߬ 
braucht werden, denn kann dies nicht sogar die Religion? 
Auch meine ich allerdings, daß Vivisektionen zum allei¬ 
nigen Zwecke der Demonstration, namentlich in stark 
besuchten Vorlesungen vor Anfängern, möglichst einzü- 
schränken sind: wegen der Schwierigkeit, einer zahl¬ 
reichen Versammlung zu zeigen, was mit dem Tiere vor¬ 
geht, wegen der Verwickelung fast aller vivisektorischen 
Versuche, wodurch sie für Anfänger vergleichsweise 
minder lehrreich sind, endlich wegen ihrer schwer zu 
beherrschenden Dauer, infolge deren die Zuhörer ihre 
Zeit verlieren. Aber welche Anmaßung seitens jener 
Laien, zu glauben, sie könnten leichtsinnig unternommene
        

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