Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kulturgeschichte und Naturwissenschaft. Im Verein für wissenschaftliche Vorlesungen zu Köln am 24. März 1877 gehaltener Vortrag
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28640/53/
Kulturgeschichte und Naturwissenschaft. 
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wecken und zu bilden, als Griechisch mit seinen vielen 
Formen und Partikeln, deren Bedeutung mehr künstlerisch 
geahnt, als logisch zergliedert werden kann. Seit der 
Zeit, wo der Gymnasialunterricht wesentlich seine heutige 
Gestalt erhielt, wandelte sich unsere Kenntnis des Alter¬ 
tumes fast völlig um: die dürre Philologie ward lebendige 
Kunde jener untergegangenen Welt, und noch täglich ver¬ 
mehren glückliche Ausgrabungen unseren Schatz antiker 
Lebensbilder. Den Laien in der Pädagogik will es be- 
dünken, als müßte hier, wie beim naturwissenschaftlichen 
Unterricht, die Demonstratio ad oculos Wunder tun, und 
als ließe sich durch Vorzeigen von Abbildungen den 
Schülern in wenig Stunden mehr echter Hellenismus 
einflößen, als durch noch so langes Reden über die 
Aoriste, den Konjunktiv und Optativ, und die Partikel uv. 
Im Geschichtsunterricht wünschte ich den oft in un¬ 
ersprießliche Einzelheiten der bürgerlichen Geschichte — 
beispielsweise der römischen Parteikämpfe oder der mittel¬ 
alterlichen Zänkereien zwischen Kaiser und Papst — sich 
versteigenden Lehrgang reichlicher, als zu geschehen 
pflegt, mit umfassenden Kulturgemälden durchflochten 
zu sehen, auf denen die Gestalten wissenschaftlicher, 
literarischer und künstlerischer Heroen sich abhöben. 
Die Menge sehr nutzloser Jahrzahlen, welche man die 
jungen Leute auswendig lernen läßt, fallt um so pein¬ 
licher auf, wenn man sich erinnert, daß ihnen die wich¬ 
tigsten Konstanten der Natur, selbst ihrem Dasein nach, 
unbekannt sein dürfen. Gehört es wirklich mehr zur all¬ 
gemeinen Bildung, das Jahr eines agrarischen Gesetzes 
oder des Regierungsantrittes eines salisch-fränkischen 
Kaisers auswendig zu wissen, als die Verbrennungswärme 
des Kohlenstoffs oder das mechanische Wärmeäquivalent? 
Die Zeit erlaubt mir nicht, auf die Frage nach dem 
Gymnasialunterricht in den neueren Sprachen mich ein¬ 
zulassen. Wichtiger und schwieriger erscheint mir übrigens 
die Frage, wie bessere Ausbildung der Gymnasialschüler 
in der Muttersprache zu erreichen sei. Ich erwähnte 
schon, daß es meiner Meinung nach dabei um Bekämpfung 
eines deutschen Nationalfehlers sich handelt; diesen Punkt 
genauer zu erörtern, würde vollends uns hier zu weit 
führen.
        

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