Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kulturgeschichte und Naturwissenschaft. Im Verein für wissenschaftliche Vorlesungen zu Köln am 24. März 1877 gehaltener Vortrag
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28640/46/
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Kulturgeschichte und Naturwissenschaft. 
satz." Obschon mit „algebraischen Aufgaben, insbesondere 
unter Anwendung der Algebra auf Geometrie“ analytische 
Geometrie gemeint sein könnte, ist diese durch eine 
ältere, aber noch gültige Entscheidung des Ministeriums 
vom Lehrplan unserer Gymnasien ausgeschlossen, und 
der mathematische Lehrplan der Realschule erster 
Ordnung geht hierin über den des Gymnasiums hinaus.52 
Dies halte ich für einen ernsten Fehler. Das Studium 
der Mathematik entfaltet seine bildende Kraft vollauf erst 
mit dem Übergange von den elementaren Lehren zur 
analytischen Geometrie. Unstreitig gewöhnt schon ein¬ 
fachste Geometrie und Algebra den Geist an scharfes 
quantitatives Denken, sowie daran, nur Axiome oder 
schon Bewiesenes für richtig zu nehmen. Die Dar¬ 
stellung von Funktionen in Kurven oder Flächen aber 
eröffnet eine neue Welt von Vorstellungen und lehrt 
den Gebrauch einer der fruchtbringendsten Methoden, 
durch welche der menschliche Geist seine eigene Lei¬ 
stungsfähigkeit erhöhte. Was die Erfindung dieser Me¬ 
thode durch Viète und Descartes der Menschheit ward, 
das wird Einführung in sie noch heute jedem für diese 
Dinge nur einigermaßen Begabten: ein für das Leben 
epochemachender Lichtblick. Diese Methode wurzelt in 
den letzten Tiefen menschlicher Erkenntnis und hat da¬ 
durch an sich ganz andere Bedeutung, als der sinn¬ 
reichste, einem besonderen Falle dienende analytische 
Kunstgriff. Zwar ist Trigonometrie analytische Geo¬ 
metrie; wie sie auf dem Gymnasium getrieben wird, hat 
sie es, gleich der Stereometrie, wie beider Name sagt, 
mehr nur mit Ausmessen zu tun, und ihre Anwendung 
bleibt auf einen gewissen Kreis von Aufgaben beschränkt. 
Dagegen ist zwischen irgendwelchen zwei Größen, deren 
eine als von der anderen abhängig aufgefaßt werden 
kann, keine noch so verwickelte Beziehung denkbar, die 
nicht durch eine Kurve darstellbar wäre, wovon Que- 
telet lehrreiche Proben gab, indem er Neigung zum 
Verbrechen, literarisches Talent u. d. m. als Funktion 
des Alters des Individuums durch Kurven darstellte.58 
Diese Art, den Zusammenhang der Dinge sich vorzu¬ 
stellen, ist daher dem Verwaltungsbeamten, dem National¬ 
ökonomen so dienlich wie dem Physiker und Meteorologen.
        

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