Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kulturgeschichte und Naturwissenschaft. Im Verein für wissenschaftliche Vorlesungen zu Köln am 24. März 1877 gehaltener Vortrag
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28640/41/
Kulturgeschichte und Naturwissenschaft. 
ist die kurze Blüte unserer Literatur. Wie Politik und 
Naturwissenschaft mit ihren harten Wirklichkeiten das 
anmutige Geplauder der Pariser Salons zum Schweigen 
brachten, so haben sie bei uns den Epigonen der 
klassischen und romantischen Heroen übel gebettet. 
Goethe selber, wenn er heute jung würde, ließe vermut¬ 
lich Götz, Werther und Faust ungeschrieben, und übte 
lieber im Reichstage die von Gall an ihm diagnostizierte, 
damals nur an den Vögeln von Malcesine erprobte Volks¬ 
rednergabe.49 Bei allem Glanz, in welchem die deutsche 
Wissenschaft zur Stunde noch strahlt, vermissen wir an 
dem aufwachsenden Geschlechte schmerzlich die edle 
Leidenschaft, welche allein für fortgesetzte geistige Gro߬ 
taten bürgt. Die in jüngster Zeit wiedererwachte Neigung 
der Deutschen für philosophische Spekulation beweist 
nur die Wahrheit des Natur' expelles furca etc., und ist 
nicht geeignet, uns über die sehr allgemein verbreitete 
und rasch wachsende Gleichgültigkeit der Jugend gegen 
alles zu beruhigen, wo man nicht Wo und Wie sieht, was 
nichts ein- und nicht vorwärts bringt. 
VIII. Die preußische Gymnasialbildung im Kampfe mit 
der vorschreitenden Amerikanisierung. 
Wie ist solcher banausischen Verflachung der Jugend 
vorzubeugen? Die Antwort scheint leicht und ist schon 
oft gegeben. Halten wir der die Ideale zergliedernden, 
was sie nicht in nüchternes Licht zu setzen vermag, ver¬ 
ächtlich beiseite schiebenden, die Geschichte ihrer er¬ 
greifenden Macht, die Natur selber des reizenden Schleiers 
beraubenden Naturwissenschaft das Palladium des Huma¬ 
nismus entgegen. Wie er die Menschheit aus dem Ver¬ 
ließe der scholastischen Theologie errettete, so trete er 
jetzt in die Schranken wider den neuen Feind harmo¬ 
nischer Kultur. Die von unvergänglichem Zauber um¬ 
witterten Menschen- und Göttergestalten des Altertums, 
jene Sagen und Geschichten der mittelländischen Völker, 
in welchen fast alles Schöne und Gute wurzelt, der 
geistige ^Umgang mit der hochgestimmten antiken Ge¬ 
sellschaft, die zwar der Naturwissenschaft entbehrte, aus 
deren Mitte aber bevorzugte Männer zu kaum wieder 
erreichter Größe aufstiegen: sie sind es, von deren Ein-
        

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