Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kulturgeschichte und Naturwissenschaft. Im Verein für wissenschaftliche Vorlesungen zu Köln am 24. März 1877 gehaltener Vortrag
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28640/25/
Kulturgeschichte und Naturwissenschaft. 
591 
den drei Ringen bei ihnen kein Boden gewesen wäre, 
so kam es ihnen auf die wissenschaftliche Wahrheit so 
genau nicht an. Ihrem unentwickelten Kausalitätstriebe 
genügte es, über die Ursache einer Erscheinung irgend¬ 
welche hübsch ausgedachte und anzuhörende Meinung 
hinzustellen; das Forschen nach den letzten Gründen 
bestand ihnen eigentlich nur in anmutigem Hin- und 
Herreden über das augenblicklich annehmbar Dünkende. 
„Was ist Wahrheit?“ spöttelte der vornehme Römer. 
„Ich bin in die Welt gekommen, daß ich die Wahrheit 
zeugen soll,“ sprach Jesus, und ließ sich an das Kreuz 
schlagen. 
Die Idee eines Gottes, der keine anderen Götter 
neben sich duldet, der nicht als menschliche, von un¬ 
würdigen Fabeln umwobene Erfindung, sondern als 
höchstes, unbedingtes Wesen erscheint, der alle ethischen 
Strebungen des Menschen auf sich bezieht und mit un¬ 
fehlbarer Allwissenheit jede Übertretung ahndet: diese 
Gottesidee, jahrhundertelang von Geschlecht um Geschlecht 
gehegt, gewöhnte auch in der Wissenschaft den mensch¬ 
lichen Geist an die Vorstellung, daß überall der Grund 
der Dinge nur einer sei, und entzündete in ihm den 
Wunsch, diesen Grund zu erkennen. Das Faustische: 
„Du mußt, du mußt, und kostet’ es mein Leben!“ war 
dem Altertume fremd. Der furchtbare Ernst einer 
Religion, welche für sich allein alles Wissen beanspruchte, 
welche ihren Widersachern mit ewiger Pein im Jenseit 
drohte, und sich für berechtigt hielt, schon diesseit die 
schrecklichsten Strafen über sie zu verhängen, erteilte 
im Laufe der Zeiten der Menschheit jenen schwer¬ 
mütigen, in die Tiefe gehenden Zug, der sie zu müh¬ 
samer Forscherarbeit freilich geschickter machte, als des 
Heidentums leichtsinnige Lebelust. Wo so viele Blut¬ 
zeugen lehrten, wie man für seinen Glauben sterbe, 
konnte es auch an solchen nicht fehlen, die bereit waren, 
für ihr Wissen in entsagender Hingebung zu leben und, 
wenn es sein mußte, dafür in den Tod zu gehen. In¬ 
dem es der Menschenbrust das heiße Streben nach un¬ 
bedingter Erkenntnis einflößte, vergütete das Christen¬ 
tum der Naturwissenschaft, was es durch die Askese 
lange an ihr verschuldet hatte.38
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.